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DAS WEBLOG

Besuch aus dem Kindergarten

Adolf Oppermann am 14.02.2011, 00:00 | 1 Kommentar

Es ist Mitte Oktober geworden, die Bänke im Garten der Sinne sind verschwunden, auch die schöne alte Windmühle wurde aus Sicherheitsgründen im Keller des Altenheims verstaut. Nur noch wenige Bewohner kommen an diesem frischen, aber dennoch herrlichen Morgen in den Garten. Meine Frau und ich sind immer schon gerne früh aus dem Haus, der frühe Vogel fängt den Wurm, dass war immer unser Motto. Doch dieser Morgen sollte ein ganz besonderer werden.

Zur Zeit ist meine Emine mal wieder in einer ausgesprochen guten Verfassung, unser tägliches Training hat Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Es ist bei an Alzheimer erkrankten nicht anders als bei gesunden Menschen: Nicht jeder Tag ist gleich, aber die täglichen Gehversuche und dazu die frische Luft sind für meine Frau mit 60 Jahren und Pflegestufe 3 + (Härtefall) spürbar gut. Wir schaffen mittlerweile eine Strecke von ungefähr 30 Metern, immer mit Pausen, aber ohne dass meine Frau sich setzen muss. Heute hat sie auch ihre Augen weit offen. Emine hat wunderschöne dunkle Augen, meine Frau ist immer noch eine wunderschöne Frau, und das sage ich ihr auch heute noch, nach 23 Jahren. Emine versteht das, sie sagt dann manchmal auf türkisch ja, dass stimmt. Dann streichle ich ihre Haare, und sage ihr, dass ich sie liebe. Und sie lächelt mich an.
Nach unserem kleinen Rundgang durch den Garten erblicken wir eine alte Bekannte. Caddy schaut vorbei und reibt Ihren Kopf und Nacken an den Füßen meiner Frau. Ich zaubere zwei Leckerlis aus meiner Tasche und schwuppdiwupp ist die Katze wieder verschwunden. Meine Frau dreht den Kopf zu mir, als wenn Sie sagen wollte: Was war das denn jetzt? Wir beide verstehen uns auch ohne Worte!

Kinder wecken Erinnerungen

Nun schiebe ich meine Frau wieder in ihrem Rollstuhl durch den Garten, und merke, dass sie unruhig wird. Ich mache die türkische Musik an unserem Rolli leiser, und es werden Kinderstimmen deutlich. Meine Frau ist aufgeregt, sie dreht den Kopf zu allen Seiten und stützt sich mit beiden Händen auf die Armlehnen am Rolli. Immer wieder ruft sie "Cocuklar". Das bedeutet in unserer Sprache "Kinder". Emine hat Kinder immer geliebt, von ganzem Herzen. Und so ist es auch heute noch. Die Kinder kommen aus dem benachbarten Kindergarten und stehen vor der große Vogelvoliere im Garten. Ihre Betreuer zeigen ihnen auch die große Kräuterspirale. Die Kinder haben sichtlich ihren Spaß dabei. Ich komme mit meiner Frau näher. Sie streckt immer wieder die Hände zu den Kindern aus und versucht, aufzustehen, aber der Gurt verhindert es. Nachdem ich eine der Kindergärtnerinnen gefragt habe, ob wir näher kommen dürfen, löse ich ihn.

Der Blick der Kinder spricht Bände: Was hat die Frau, werden sie denken. Es ist eine tolle Sache für alte und auch kranke Menschen, wenn sie so junge Kinder sehen: Erinnerungen kommen zurück, an die eigene Kindheit oder auch an die eigenen Kinder. Familienangehörige und Freunde sollten sich darüber freuen. Klar tut es weh, wenn man selbst nicht mehr erkannt oder mit längst Verstorbenen verwechselt wird. Aber seien Sie bitte nicht darüber traurig. Es ist keine Absicht dabei, es ist einfach die Krankheit.

Informationen zum Autor:

Adolf Oppermann ist gelernter Koch und lebte früher in Wuppertal. Der Frührentner war über 20 Jahren mit seiner türkischstämmigen Frau Emine verheiratet, die an Alzheimer erkrankt war. Adolf Oppermann besuchte Emine fast täglich im Pflegeheim. Sein Motto: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

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1 Kommentar

Bernadette Engelhardt am 15.02.2011, 07:54 Berührend schön geschrieben, danke!
Aus meinem Leben mit den Bewohnern einer Senioreneinrichtung weiss ich, wie wunderbar Kinder und Senioren miteinander harmonieren. Und je "jünger" die Kinder sind, umso natürlicher gehen sie auf die älteren Bewohner ein, sie sind sich einfach nah. Wohl auch, weil sie nicht mehr das Leben und der Lebensunterschied trennt, sondern weil sie oft wieder vieles miteinander gemeinsam haben, speziell eine fast "kindliche" Unschuld, Spontanität und Natürlichkeit. Sie alle leben ganz und gar im "JETZT", im Augenblick. Etwas, um das ich sie ab und an sogar beneide.

Herzliche Grüße,
Bernadette Engelhardt

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