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Pflege und Beruf vereinbaren

Elisabeth Philipp-Metzen am 05.07.2013, 16:00 | 0 Kommentare

Wenn Menschen neben ihrem Beruf bei der Pflege ihrer an Demenz erkrankten Angehörigen an ihre Grenzen gehen, darf das kein Dauerzustand sein. Sie hören nicht mehr auf ihr Innerstes und werden früher oder später selbst darüber krank, sämtliche Alarmzeichen werden ignoriert, weil sie sich keine Schwäche eingestehen wollen. Frau Dr. Heike Elisabeth Philipp-Metzen weiß Rat.

Pflege und Beruf vereinbaren

Pflege und Beruf vereinbaren: Tipps aus der Beratungspraxis
Dr. Heike Elisabeth Philipp-Metzen

Im Beratungsalltag der Alzheimer Gesellschaft Münster steigt die Zahl berufstätiger pflegender Angehöriger. Das ist leicht zu erklären: da in Deutschland bereits über die Hälfte aller Pflegenden berufstätig sind, wird auch bei Alzheimer Gesellschaften und in Beratungsstellen zunehmend das Thema „Vereinbarkeit von Pflege und Beruf“ behandelt.

Worauf sollte dabei geachtet werden?
Ein Beispiel zeigt die typischen Probleme auf:
Frau Müller (Name geändert) ist in Vollzeit berufstätig. Sie ist Mitte fünfzig und wohnt in der Nähe ihrer hochbetagten Eltern. Ihre Mutter hat Pflegestufe II und ist demenziell erkrankt. Die Tochter steht in der Regel kurz nach fünf Uhr auf, macht das Frühstück fertig, unterstützt beim Waschen und Ankleiden und bereitet die Versorgung für die Zeit ihrer Abwesenheit vor. Abends kümmert sie sich um die Wäsche, Behördenangelegenheiten und vieles mehr. Aber auch nachts kommt sie oft nicht zu Ruhe. Ist die Mutter unruhig, ruft ihr Vater sie an und fragt nach Rat. Und in der spärlichen Freizeit erledigt sie Einkäufe und begleitet die Mutter zu Arztbesuchen.
Der zweite Haushalt, die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Mutter, die zunehmenden Symptome der Demenz, das alles überfordert sie auf Dauer erheblich. Mit Sorge registriert sie, dass ihre Arbeitsleistungen sinken und ihr häufiger als früher Fehler unterlaufen. Sie fühlt sich ständig unter Druck und kann auch nachts und am Wochenende nicht mehr richtig entspannen.
In so einer Situation ist es höchste Zeit, etwas zu ändern.
Folgende Tipps aus dem Beratungsalltag sind hilfreich für berufstätige pflegende Angehörige:
Pflegende Angehörige mit einer Doppelbelastung durch Berufstätigkeit tendieren dazu, die Situation mit Mehrarbeit zu bewältigen. Häufig fühlen sie sich dann nach einiger Zeit wie in einem Hamsterrad: die Arbeit nimmt kein Ende und sie selber kommen nicht mehr zu Ruhe. Es besteht Gefahr, dass sie selber erkranken.
1. Daher lautet der Appell an berufstätige Hauptpflegepersonen: Achtung, schleichend immer mehr zu arbeiten ist keine Lösung, sondern kann zu einer chronischen Überlastung führen!
2. Wichtig ist, die Versorgung nicht alleine leisten zu wollen. Angehörige sollten sich Hilfe aus der Familie, im Bekanntenkreis und von Profis suchen. Dabei gilt es auch zu lernen, loszulassen und Unterstützung von anderen anzunehmen!
3. Erwerbstätige pflegende Angehörige sollten dabei viel häufiger als bislang die gesetzlichen Möglichkeiten in Anspruch nehmen. Das Pflegezeitgesetz und die Familienpflegezeit sind noch nicht ausreichend bekannt. Daher wird empfohlen, sich unbedingt beraten zu lassen:
• Bei der Familienpflegezeit können die Angehörigen maximal zwei Jahre die Stunden reduzieren und dabei einen Gehaltsausgleich erhalten, den sie vor oder nach dem Pflegezeitraum monatlich wieder ‚abbezahlen‘.
• Das Pflegezeitgesetz garantiert eine unbürokratische Freistellung bis zu zehn Tagen beim plötzlichen Eintritt von Pflegebedürftigkeit. Dieser Zeitraum dient dazu, bedarfsgerechte Pflege zu organisieren. Ab einer bestimmten Betriebsgröße können Arbeitnehmer bei häuslicher Pflege Pflegezeit nehmen, d. h. bis zu 6 Monaten vollständig oder teilweise freigestellt werden.
4.    Oftmals ist es hilfreich, über die Situation im Kollegenkreis und mit Vorgesetzten zu sprechen. Ein großer Teil von Personalverantwortlichen ist mittlerweile sensibilisiert und weiß um die Wichtigkeit langfristig tragfähiger Lösungen.
5. Gesprächskreise für pflegende Angehörige bieten die Möglichkeit des Austausches und der gemeinsamen Suche nach passenden Lösungen.

Gesprächskreise und Beratungen werden beispielsweise von Alzheimer Gesellschaften, Kommunen und Wohlfahrtsverbänden angeboten. Die Alzheimer Gesellschaft Münster zeigt seit vielen Jahren pflegenden Angehörigen Wege zu einer besseren Vereinbarkeit auf und ermutigt dabei konsequent zur Inanspruchnahme von weiteren Hilfeangeboten wie Tagespflege und ehrenamtliche Betreuungsdienste. Häufig sind niedrigschwellige Angebote wie Betreuungsnachmittage ein erster  Einstieg in vorhandene Hilfestrukturen. Die guten Erfahrungen bestärken dann darin, weitere Hilfen in Anspruch zu nehmen, was zu einer langfristigen Lösung beiträgt.

Foto der Weblogautorin Dr. Heike Elisabeth Philipp-Metzen
Foto: Dr. Heike Elisabeth Philipp-Metzen

Die Gerontologin Dr. Heike Elisabeth Philipp-Metzen ist Fachberaterin für Pflege und Demenz und langjährig Zweite Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Münster e. V. Sie ist Moderatorin des Senioren-Programms sicher-mobil beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat e. V. und sie hat ihre Doktorarbeit über die Erfahrungen der Enkelgeneration mit dem Krankheitsbild Demenz geschrieben und führt dazu Workshops durch. Seit 2013 ist sie Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen für das Seminar „Soziale Arbeit für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen“.

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