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DAS WEBLOG

Die richtige Sprache finden

Silvia Tijero Sanchez am 06.02.2012, 11:00 | 4 Kommentare

Ich erinnere mich noch genau an zwei Patienten einer Tagesbetreuung in Frankfurt am Main: Herr Miller* aus den USA und Frau Achilles* aus Griechenland. Beide haben im Laufe ihrer Demenzerkrankung die deutsche Sprache kaum noch benutzt und nur noch in ihrer Muttersprache kommuniziert. Das hat die Betreuung natürlich sehr schwer gemacht.

Herr Miller hat am Ende seiner Erkrankung eigentlich nur noch Englisch gesprochen. Weil einige von uns die Sprache auch konnten, war es aber nicht allzu schwer, ihn zu verstehen. Wir haben es so organisiert, dass er von den Pflegekräften betreut wurde, die sehr gut Englisch konnten. Aber sobald Herr Miller aufgeregt oder nervös war, hat er Deutsch und Englisch vermischt. Das hat uns natürlich Schwierigkeiten bereitet. Wir mussten dann immer seine Frau um Hilfe bitten.

Schwieriger war die Kommunikation mit Frau Achilles. Weil wir Pflegekräfte alle kein Griechisch konnten, war es fast unmöglich für sie, uns ihre Wünsche zu vermitteln. Und wir waren nicht in der Lage, auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Ihr Mann war uns leider keine große Hilfe – in der Zeit, in der er da war, war er meist sehr überfordert. Um zumindest ein paar Worte mit ihr wechseln zu können, hat die Leiterin der Tagesbetreuung uns ein Griechisch-Wörterbuch besorgt. Wir haben kleine Zettel geschrieben mit wichtigen Alltagswörtern wie "Guten Morgen", "Danke" und "Auf Wiedersehen". So haben wir uns wenigstens ein paar griechische Sätze eingeprägt. Das hat uns einigermaßen beim Umgang mit Frau Achilles geholfen, aber es gab immer wieder Momente, in denen sie unsere griechischen Sätze nicht verstanden hat. Ich vermute, dass wir die einzelnen Worte wahrscheinlich nicht richtig betont haben. Dann kam es leider immer zu Schweigen und Traurigkeit, Frau Achilles hat viel geweint und sie hat dann nur noch auf ihren Mann gewartet.

Stellen Sie sich eine solche Situation nur mal vor: Sie sind an Demenz erkrankt und leben in einem fremden Land. Dann kommen sie in eine Tagesbetreuung – diese Betreuungsform finde ich persönlich generell sehr gut – und plötzlich verstehen sie dort niemanden mehr. Sie sprechen nur noch eine Sprache – ihre Muttersprache. Alles andere um Sie herum werden Sie plötzlich seltsam finden und Sie können nicht mehr kommunizieren, obwohl Sie die Sprache vor Ihrer Erkrankung gut beherrscht haben.

Die Situation von Demenzkranken mit Migrationshintergrund ist in Deutschland noch nicht gelöst. Bislang wird wenig darüber geschrieben oder geredet, obwohl die Betreuung bei Migranten mit einer Demenzerkrankung eine große Herausforderung für die Pflegekräfte ist. Mir ist es daher sehr wichtig, dass dieses Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt. Ich würde auch sehr gerne erfahren, wie andere damit umgehen und mich austauschen. Denn ich bin überzeugt, dass es die Kommunikation und Versorgung von Demenzkranken mit Migrationshintergrund erleichtern würde, wenn wir eine Lösung finden könnten. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Pflegekräfte Sprachkenntnisse erwerben, sondern auch darum, Einrichtungen und Versorgungsstrukturen entsprechend zu organisieren und zu planen.

* Name geändert

Foto der Weblogautorin Silvia Elizabeth Tijero Sanchez
Foto: Silvia Elizabeth Tijero Sanchez

Silvia Elizabeth Tijero Sanchez ist examinierte Altenpflegerin, Lehrerin für Pflegeberufe und Berufspädagogin - Fachbereich: Pflege. Die Peruanerin absolvierte u. a. eine Fachweiterbildung zur Fachkraft für Gerontopsychiatrie und arbeitete mehrere Jahre in verschiedenen Einrichtungen der Altenpflege im stationären und ambulanten Dienst. Zurzeit arbeite sie als Lehrkraft in der Aus- und Weiterbildung.

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4 Kommentare

Katja am 20.02.2012, 21:35 Ich frage mich auch häufig, ob der Verlust der deutschen Sprache bei meiner Mutter früher oder später eintreten wird. Sie ist mit 20 Jahren aus Korea nach Deutschland gekommen. Sie hat als Altenpflegerin viele Demenzkranke betreut und hat immer gesagt, hoffentlich bekomme ich kein Alzheimer und wenn doch, dann bringe ich mich lieber um.

Inzwischen ist sie 57 und sie hat vor vier Jahren die Diagnose Alzheimer bekommen. Sie hat damals auch gesagt, dass sie sich umbringen wolle. Aber sie wollte meine Hochzeit noch miterleben und nach Möglichkeit auch ihre zukünftigen Enkelkinder kennenlernen. Und dann ist die Krankheit immer weiter fortgeschritten und hat immer mehr von meiner Mutter mitgenommen. Sie hat sich nicht umgebracht, ich denke aber nur aus dem Grunde nicht, weil sie noch so viel wie möglich vom Leben ihrer Kinder mitbekommen wollte und dann hat sie "den" Zeitpunkt (sollte es ihn überhaupt geben) verpasst.

Meine Mutter ist schon lange fort, obwohl sie noch da ist. Aber ich habe unheimliche Angst davor, dass sie über kurz oder lang die deutsche Sprache vergessen wird. Weder ich noch meine Geschwister sprechen Koreanisch und ich weiß nicht, was wir machen sollten, wenn sie nur noch ihre Muttersprache spricht. Noch lebt meine Mutter bei mir und meiner kleinen Familie (meine Tochter ist zwei) und sie freut sich so über ihr Enkelkind. Sie weiß zwar nicht, dass Luise meine Tochter ist - in der Welt meiner Mutter ist sie nämlich Luises Mutter- aber sie weiß, dass wir eine Familie sind. Meine Mutter ist wochentags in einer Tagespflegeeinrichtung und spricht dort auch nur Deutsch, aber was sollen wir machen, wenn sie nur noch Koreanisch spricht? Das habe ich mich schon oft gefragt. Aber eine Lösung habe ich dafür auch nicht. Ich habe versucht Koreanisch zu lernen, aber zum einen ist es sehr schwer und zum anderen habe ich auch nicht mehr die Kraft, mich abends hinzusetzen und zu lernen. Ich bin froh, wenn ich meine Tochter und meine Mutter im Bett habe, mein Mann und ich uns noch mal austauschen können und ich dann auch endlich schlafen kann!

Silvia Ernst-Tijero am 20.03.2012, 17:10 Hallo Katja,

Ich verstehe Ihre Sorge sehr gut, deswegen es ist mir wichtig, über das Thema die Bevölkerung aufmerksam zu machen.
In Deutschland gibt es mittlerweile Pflegekräfte, die Englisch sprechen können, aber Koreanisch - wäre natürlich schwer ab sofort jemand zu finden, der die Sprache sprechen kann...
Ich möchte Sie nicht sorgen, aber im Fall, dass Ihre Mutter wieder auf Koreanisch sprechen wird, sollten Sie auf diese Veränderung vorbereitet sein...
Demenzkranke haben sich selbst ein stark ausgeprägtes Gefühl, dass die Beziehung zwischen Angehörigen auch durch nonverbale Kommunikation möglich ist...Dies kann man lernen. Dafür gibt es viel Literatur....
Ich finde es wunderbar, dass Ihre Mutter zu einer Tagespflegeeinrichtung geht, wo sie die deutsche Sprache hören kann und gesichert ist.

Beste Grüße

Silvia Ernst-Tijero

Adolf Oppermann am 11.04.2012, 07:56 Liebe Katja, sicher ist ihre Angst berechtigt, aber Sie sollten nicht vergessen, dass sich die Sprache bei Demenzpatienten immer weiter zurück entwickelt. Meine Frau hat nach mehreren Jahren auch kein Deutsch mehr gesprochen, meine Frau ist Türkin, und ich habe die Sprache (so dass ich mit ihr kommunizieren konnte) gelernt. Heute, rund 4 Jahre danach spricht sie in einer Art Babysprache. Ich spreche sie auf Deutsch und auch Türkisch an und bin sicher das sie beides versteht, traurig nur, dass sie sich nicht mehr mitteilen kann. Was sie auf jeden Fall versteht sind Streicheleinheiten und Berührungen, dass sehe ich an ihrem Lächeln. Alle Demenzkranken haben das sehr gerne. Ihnen wünsche ich viel Kraft!!
Viele liebe Grüße, Adolf Oppermann

Silvia Ernst-Tijero am 19.04.2012, 20:37 Lieber Herr Oppermann,

Die nonverbale Kommunikation bei der globalen Aphasie ist die Beste Behandlungspflege bei Demenzkranken... Dazu gehören Berührungen, Blickkontakt, das Paraphrasieren und Natürlich Begleitung.

Ich bin sicher, dass Katja von Ihnen eine gute Rückmeldung bekommen hat.

Vielen Dank und Viele Grüße
Silvia Ernst-Tijero

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