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DAS WEBLOG

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt…

Maria Tölle am 12.12.2011, 12:10 | 0 Kommentare

Unter diesem Titel beschrieb ich vor elf Jahren die Weihnachtszeit mit meiner an Demenz erkrankten Mutter in einer Online-Angehörigengruppe: 
AlzheimerForum. Damals wusste ich noch nicht, dass es unser letztes gemeinsames Weihnachten sein sollte. 

Unsere Mutter war inzwischen auf 42 Kilo abgemagert und konnte sich selbst bei bester Tagesform nur noch andeutungsweise verbal mitteilen. In ihrer Hilflosigkeit war sie inzwischen so unselbständig geworden, dass sie uns auf ihrer Suche nach Halt bis zur Toilettentür kleinschrittig trippelnd verfolgte. Nachts stand sie summend vor unserem Bett und wollte mit unter die Decke kriechen und kuscheln wie ein kleines Kind. Meine eigene Familie war inzwischen in allerhöchster Gefahr, daran zu zerbrechen und auch wir Geschwister waren allesamt mit der Situation längst überfordert.

Und trotz alledem war gerade dieses Weihnachten eine letzte Gelegenheit für schöne Momente. Lieder, Melodien, Reime und Verse werden bis zuletzt auch von Menschen mit schwerster Demenz noch erinnert, weil alles Rhythmische intensiver im Gedächtnis verankert bleibt. Weihnachtsdüfte, Gerüche vom Plätzchenbacken und Kerzen, sinnliche Atmosphäre sind bis zuletzt eine gute Möglichkeit zur basalen Stimulation und können helfen, ein Stück Lebensqualität zu vermitteln.

Unsere Mutter kam dann plötzlich und unerwartet ins Krankenhaus und die sterile Krankenhausatmosphäre erstickte die Vorweihnachtsstimmung im Keim. An einem Adventssonntag allerdings – es wurde gerade dunkel draußen – lauschten wir am Krankenbett. Es klang, als käme leise Musik von draußen herein. Und tatsächlich, es hatte sich eine Bläsergruppe auf dem Rasen unten versammelt, um zu musizieren. Selbst die laute Bettnachbarin von nebenan wurde ganz still und wir hörten und summten gemeinsam die Melodie von "Tochter Zion". Dem Lied, das ich seinerzeit mühselig auf der Blockflöte geübt hatte im Advent, damals zuhause am Küchentisch, als ich selbst noch ein Kind war.

Erinnerungen bleiben

Eine Woche vor Weihnachten auf dem Rücktransport saß ich meiner Mutter im Krankenwagen gegenüber, als sie fragend und orientierungslos mit großen leeren Augen durch das Fenster sah und wieder mal nicht wusste, was mit ihr geschah. Ich sagte zu ihr: "Mama, wir fahren nach Hause, bald ist Weihnachten." Sie hat mir dann nickend zugelächelt und damit zu verstehen gegeben, dass das gut für sie war, dass sie sich freute.

Sie hat dann nur noch einige Tage gelebt und Heiligabend mittags ist sie in ihrem Zimmer verstorben. Das war unser letztes gemeinsames Weihnachten im Elternhaus. Wir hatten unsere Mutter verloren, den Mittelpunkt unserer Familie – trotz Demenz. 

Was uns blieb und bleibt, sind Erinnerungen an eine schwere Zeit, aber auch an schöne Momente. Und die "alte Krippe" existiert noch, die mein Vater aus den Eichenrinden der Nachbarbäume einst gezimmert hat, und die Figuren der heiligen Familie, die meine Mutter jedes Jahr festlich mit uns Kindern darin aufgestellt hat. Und der inzwischen geborene Urenkel wartet wieder darauf, den Stall mit den alten Figuren aufzubauen – so wie jedes Jahr.

Informationen zur Autorin:

Maria Tölle lebt in Ostwestfalen-Lippe, ist verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Sie arbeitet als freiberufliche Altenpflegerin für den Verein Alt und Jung Süd-West e. V. im "Bielefelder Modell" und ist dort neben ihrer Pflegetätigkeit mitverantwortlich für die besondere Betreuung von Menschen mit Demenz. Als Kursleiterin Pflege schult und begleitet sie Ehrenamtliche, Angehörige und Pflegekräfte. Maria Tölle hat vor ihrer Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin jahrelang ihre an Alzheimer-Demenz erkrankte Mutter zuhause gepflegt und betreut.

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