- Dass Menschen mit Demenz sich gerne und viel bewegen, ist grundsätzlich positiv.
- Ein sehr stark ausgeprägter Bewegungsdrang kann im Alltag jedoch auch Herausforderungen und Risiken mit sich bringen – etwa durch Orientierungsverlust, körperliche Erschöpfung oder ein erhöhtes Sturzrisiko.
- Mit verständnisvollen Schutzmaßnahmen, einer angepassten Umgebung und gezielten Alltagsangeboten lässt sich der Bewegungsdrang sicher begleiten und die Lebensqualität erhalten.
Sich zu bewegen ist für viele Menschen mit Demenz ein wichtiges Ventil, um Energie abzubauen oder Wohlbefinden zu erleben.
Dabei hat das Gehen viele positive Effekte: Es trainiert den Gleichgewichtssinn, stärkt die Muskulatur und fördert die Durchblutung sowie die Verdauung.
Warum laufen Menschen mit Demenz umher? Die häufigsten Ursachen
Gleichzeitig müssen sich Pflegeverantwortliche und Angehörige in jedem Einzelfall fragen, ob das Gehen der betroffenen Person guttut oder ob es ihr schadet. Um passgenaue Lösungen zu finden, lohnt sich ein Blick auf die möglichen Auslöser.
Manchmal lässt sich trotz sorgfältiger Beobachtung keine eindeutige Ursache für das vermehrte Laufen finden. In diesem Fall gilt es, den Laufdrang als Symptom der Demenz zu akzeptieren und Risiken bestmöglich zu minimieren.
Gewohnheiten, Neugier, Einsamkeit und Verunsicherung
- Lebenslange Gewohnheit: Viele Menschen haben sich schon immer gerne an der frischen Luft bewegt oder sind bei Stress und Kummer spazieren gegangen.
- Einsamkeit und Langeweile: Fehlt es an Beschäftigung, beginnen Betroffene umherzugehen, um nach Kontakt und Anregung zu suchen.
- Neugier und Unternehmungslust: Wissbegierige Betroffene erkunden gerne Umgebungen, die ihnen neu oder verändert erscheinen.
- Verunsicherung bei Sprachproblemen: Fällt das Sprechen schwer, meiden Betroffene manchmal Gruppensituationen aus Angst vor Blamagen und beschäftigen sich stattdessen mit dem Gehen, das sie fehlerfrei beherrschen.
Körperliche Auslöser: Schmerzen, Unwohlsein und Medikamente
- Körperliches Unwohlsein: Schmerzen, Hunger, Durst, Frieren, Schwitzen, Juckreiz, Harndrang oder Verstopfung können sich als Unruhe und Bewegungsdrang äußern. Um Schmerzen oder Harnwegsinfekte als Ursache auszuschließen, sollte eine ärztliche Untersuchung erfolgen. In Absprache mit Ärztinnen und Ärzten kann versuchsweise geprüft werden, ob leichte Schmerzmittel die Unruhe lindern.
- Gestörter Tag-Nacht-Rhythmus: Eine zeitliche Umkehr der Schlaf-Wach-Phasen führt oft zu nächtlicher Ruhelosigkeit und Tagesmüdigkeit.
- Nebenwirkungen von Medikamenten: Manche Arzneimittel können als Nebenwirkung oder entgegen der beabsichtigten beruhigenden Wirkung einen verstärkten Bewegungsdrang auslösen.
„Hinlaufen“ und „Weglaufen“: Die Suche nach Geborgenheit und Ruhe
- Hinlaufen (Suche nach Sicherheit): Betroffene haben oft ein konkretes Ziel vor Augen. Sie suchen nach vertrauten Orten oder Personen, die Geborgenheit versprechen (zum Beispiel der Mutter, den eigenen Kindern, dem Elternhaus oder der früheren Arbeitsstätte).
- Weglaufen (Reizüberflutung und Fremdheit): Reizüberflutung, Lärm, Umzüge oder die Hektik der Umgebung können das Gefühl von Bedrohung erzeugen. Wenn das eigene Zuhause aufgrund nachlassender Erinnerung nicht mehr erkannt wird, entsteht der Wunsch, „nach Hause“ wegzulaufen.
Anregende Beschäftigungen für Menschen mit Lauftendenzen bei Demenz
Spaziergänge und Alltagsangebote: Tägliche Spaziergänge in der weiteren Umgebung (mindestens 30 Minuten), Sitztanz, Seniorengymnastik, Singen oder sinnstiftende, biografisch verankerte Aufgaben, die den Charakter von Arbeit haben (und deshalb als sinnvoll erlebt werden), unterbrechen das Gehen auf angenehme Weise.
Emotionale Stimulation: Auch Ablenkung durch eine emotionale Stimulation wie zum Beispiel das Anhören einer Lieblingsmusik, das Anschauen eines Gottesdienstes oder Kontakte mit kleinen Kindern und Haustieren können dazu führen, dass ein Mensch mit Demenz länger sitzen bleibt.
Wertschätzende Gespräche anbieten: Menschen mit Demenz unterwegs freundlich zulächeln, ihnen zuwinken und sie ohne Ärger zu einem kurzen Plausch auf dem Sofa einladen.
Welche Risiken birgt ein stark ausgeprägter Bewegungsdrang bei Demenz?
Ein ununterbrochenes Gehen kann Betroffene und ihr Umfeld vor Herausforderungen stellen. Die häufigsten Fälle:
- Orientierungsverlust außerhalb des Hauses: Es besteht das Risiko, dass Menschen mit Demenz ihr Zuhause unbegleitet verlassen und aufgrund nachlassender Orientierung nicht mehr zurückfinden.
- Konflikte in Einrichtungen: In Pflegeheimen kann es zu Spannungen mit Mitbewohnenden kommen, wenn Menschen mit Demenz unbewusst fremde Zimmer betreten.
- Erschöpfung, Kalorienverbrauch und Unterzuckerung: Manche Betroffene laufen selbst bei Erschöpfung weiter. Durch den hohen Kalorienverbrauch können sie trotz mehrerer Mahlzeiten am Tag stark an Gewicht verlieren. Zudem kann es zu Unterzuckerungen kommen, die sich in lautem Rufen oder starker Abwehr äußern, wenn Betroffene zum Ausruhen bewegt werden sollen.
- Sturz- und Frakturrisiko: Das dauerhafte Gehen ohne ausreichende Ruhephasen erhöht das Risiko für Stürze und Knochenbrüche erheblich.
Tipps für eine sichere und einladende Umgebung im Alltag
Stolperfallen entfernen: Teppiche sichern, Handläufe anbringen und für festes Schuhwerk sorgen.
Türsicherung und Gärten: Haustüren können mit wohltönenden Alarmen (z. B. wie ein Glockenspiel) gesichert werden. Großflächige, umzäunte Gärten in Pflegeeinrichtungen ermöglichen sichere Bewegung im Freien.
Bequeme Ruheorte schaffen: Warme Beleuchtung und gemütliche Sessel fernab der Ausgänge und ruhige Musik laden zum Verweilen ein.
Ernährung an Laufwegen bereitstellen: Säfte, kleine Obstteller und hochkalorische Fingerfood-Snacks entlang der üblichen Gehpfade aufstellen, um Gewichtsverlust und Unterzuckerung vorzubeugen.
Reha-Schaukelstuhl nutzen: Das sanfte Schaukeln beruhigt und hilft, nervöse Energie sturzsicher abzubauen.
Einsatz von Ortungssystemen: Dieser wird ethisch unterschiedlich bewertet. Versorgende Personen befürworten GPS-Tracker teilweise.
Gesicherte Bereiche, vor allem in Pflegeeinrichtungen: Hier tragen insbesondere großflächige, durch einen Zaun geschützte Gärten dazu bei, dass Menschen mit Demenz sich ungehindert und auch mal unbegleitet bewegen können.