Sandra Rohmann

„Was soll an diesem Morgen gut sein?“

Es gibt bei uns im Heim eine Bewohnerin, bei der man - sagen wir es vorsichtig - morgens nicht unbedingt mit überschwänglicher Begeisterung rechnen sollte. 

Wenn ich ihr einen guten Morgen wünsche, kann es durchaus passieren, dass sie mich ansieht und zurückgibt: „Was soll denn bitte an diesem Morgen gut sein?“ Auch die Frage „Wie geht es Ihnen heute?“ birgt wenig Überraschungspotenzial.

„Schlecht.“

Sie ist über 80, eine kluge Frau, die in ihrem Leben viel erreicht hat. Sie trägt gern Schmuck, legt Wert auf ihr Äußeres und geht raus, wann immer es möglich ist. Das ist ihr unglaublich wichtig. Sie braucht die Bewegung, die Luft, das Gefühl, unterwegs zu sein. Mit ihrem Rollator zieht sie los und läuft ihre Runden.

Wenn das einmal nicht klappt, merkt man es ihr an.

Natürlich bemühen wir uns alle um sie. Meine Kolleginnen und Kollegen genauso wie ich. Wir möchten schließlich, dass es ihr gut geht.

Nur: Unsere Gruppenangebote interessieren sie nicht. So gar nicht.

Und mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern kann sie ebenfalls wenig anfangen. Die seien ihr zu alt, sagt sie. Dass sie selbst auch nicht mehr ganz jung ist, spielt bei dieser Einschätzung offenbar eine eher untergeordnete Rolle.

Ich muss darüber manchmal ein bisschen schmunzeln. Gleichzeitig kann ich sie verstehen.

Sie vermisst jemanden, mit dem sie reden kann. Jemanden, der vielleicht auch noch gern rausgeht. Mit dem sie einmal einen Kaffee trinken oder eine Runde drehen könnte.

Ihre Familie bedeutet ihr viel. Aber natürlich hat jeder auch sein eigenes Leben. Und sie vermisst ihr früheres Leben.

Ihre eigene Wohnung. Ihr Auto. Einfach selbst entscheiden zu können, wann sie wohin fährt und was sie mit ihrem Tag macht.

Das Besondere und vielleicht auch besonders Schwere ist, sie weiß sehr genau, dass manches davon nicht mehr geht. Sie versteht, warum sie nicht mehr allein wohnen und warum sie nicht mehr Auto fahren kann.

Aber nur weil man etwas versteht, hört man ja nicht auf, es zu vermissen.

Vielleicht macht gerade dieses Wissen den Verlust manchmal noch schwerer.

Und dann ist da die Demenz.

Sie merkt selbst, dass sie Dinge vergisst. Sie nimmt die Veränderungen wahr und ich glaube, dass ihr das Angst macht. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, warum sie Gruppen meidet.

Manchmal sagt sie zu mir: „Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, dass das jetzt mein Leben ist.“ Ich mag diese Frau.

Warum genau, kann ich gar nicht sagen. Vielleicht, weil ich hinter ihrer manchmal ziemlich rauen Art auch etwas anderes sehe. Mittlerweile führen wir immer wieder richtig schöne Gespräche. Manchmal öffnet sie sich ein Stück und irgendwann beendet sie das Gespräch wieder. Dann ist es eben genug.

Vor einiger Zeit habe ich mich gefragt, ob wir eigentlich immer versuchen müssen, Menschen in unsere Angebote zu bekommen.

Vielleicht braucht sie gar keine Gruppe. Vielleicht braucht sie einfach einen Menschen, der zu ihr passt.

Also ging ich im Kopf unsere Bewohnerinnen und Bewohner durch.

Und tatsächlich fiel mir eine Dame ein. Ebenfalls noch ziemlich flott unterwegs, klug und interessiert. Und sie kümmert sich gern um andere. Ich habe manchmal das Gefühl, dass genau das wiederum ihr guttut, gebraucht zu werden.

Also fragte ich beide, ob wir uns nicht einmal zu dritt zusammensetzen wollen.

Was soll ich sagen? Es lief besser, als ich erwartet hatte.

Wir unterhielten uns und irgendwann passierte etwas, das ich bei meiner eher mürrischen Dame nicht allzu häufig erlebe: Sie lachte.

Nicht höflich. Nicht ein kleines Lächeln, weil die Betreuungskraft sich gerade solche Mühe gibt.

Sie lachte richtig herzlich.

Mir ging ein bisschen das Herz auf.

Nach einigen Minuten ließ ich die beiden allein.

Ein paar Tage später fragte ich sie, unabhängig voneinander, wie es denn inzwischen so laufe.

Beide erzählten mir, dass sie sich nun immer mal wieder unterhalten. Und demnächst wollen sie zusammen einen Kaffee trinken gehen. Mehr ist gar nicht passiert.

Ich weiß nicht, ob daraus eine Freundschaft wird. Vielleicht verstehen sie sich nächste Woche schon nicht mehr. Das könnte durchaus passieren. Und natürlich verschwinden dadurch weder eine Demenz noch Sorgen oder die Traurigkeit darüber, dass das eigene Leben plötzlich ganz anders aussieht, als man es sich einmal vorgestellt hat.

Aber im Moment scheint diese kleine Verbindung beiden gutzutun. Und vielleicht ist das manchmal schon ziemlich viel.

Heute Morgen begegnete ich meiner Bewohnerin wieder.

„Guten Morgen“, sagte ich. Ich war innerlich durchaus auf die übliche Antwort vorbereitet.

Stattdessen sah sie mich an, berührte kurz meinen Arm und sagte: „Das wünsche ich Ihnen auch.“

Es war nur ein Satz. Aber ich habe mich darüber gefreut wie „Bolle“.

Solche Tage sind es, an denen ich wieder weiß, warum ich meinen neuen Beruf so gern ausübe.

Und ich nehme aus dieser Geschichte noch etwas anderes mit: Vielleicht müssen wir nicht immer zuerst versuchen, ein Verhalten abzustellen. Vielleicht können wir versuchen, dem Verhalten einen guten Platz zu geben.

Denn manchmal lohnt es sich, genauer hinzusehen und zu fragen, was ein Mensch mit seinem Verhalten eigentlich erzählt. Und dann braucht es vielleicht keine neue Beschäftigung, keine weitere Gruppe und kein ausgeklügeltes Angebot.

Manchmal braucht es vielleicht einfach den richtigen Menschen am Frühstückstisch.

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