Jochen Gust

Beschäftigungsideen für Menschen mit Demenz

Manchmal setzen sich Angehörige selbst viel zu stark unter Druck, weil sie ihrem Menschen mit Demenz regelmäßig eine besondere Freizeitbeschäftigung bieten möchten - auch im Hinblick auf eine gewisse  „Abwechslung“, die allerdings bei einer fortgeschrittener Demenz gerade eben häufig nicht mehr erforderlich ist. Eine passende Beschäftigung muss weder besonders kreativ noch aufwendig sein. Gerade bei deutlich fortgeschrittener Demenz sind oft einfache, vertraute Tätigkeiten sinnvoll: etwas ordnen, halten, falten, tragen, betrachten, singen, fühlen, riechen oder gemeinsam erledigen. Entscheidend ist nicht, ob am Ende ein perfektes Ergebnis entsteht. Entscheidend ist, dass die Person beteiligt ist, sich ernst genommen fühlt und etwas tun kann, das zu ihrer Lebensgeschichte, ihren Gewohnheiten und ihren aktuellen Fähigkeiten passt.

Dabei braucht es ein gutes Maß. Eine Tätigkeit darf nicht so schwierig sein, dass sie den Menschen mit Demenz überfordert, beschämt oder Unruhe auslöst. Sie sollte aber auch nicht so künstlich oder kindlich wirken, dass sich die erkrankte Person nicht ernst genommen fühlt. Viele Menschen mit Demenz spüren sehr genau, ob ihnen eine echte Aufgabe zugetraut wird oder ob sie nur „beschäftigt“ werden sollen. Angehörige sollten deshalb beobachten: Wirkt die Person interessiert, ruhig, konzentriert oder zufrieden? Oder wird sie unsicher, gereizt, müde, ängstlich oder zieht sich zurück? Bedacht werden sollte auch, dass es normal ist für jeden Erwachsenen, auch Aufgaben zu haben, die einfach erledigt werden müssen – und die durchaus nicht pure Freude auslösen. Auch das ist gelebte Normalität. Eine Alltagstätigkeit – Abwaschen zum Beispiel – ist wertvoll, wenn sie gemacht wird. Feiern muss man das jedoch nicht jedes Mal. 

Alltagsnahe und biografieorientierte Tätigkeiten sind besonders wertvoll, weil sie an frühere Rollen und vertraute Abläufe anknüpfen. So kann beispielsweise die Spülmaschine vielleicht öfter ausbleiben oder nur den Großteil übernehmen, während stets etwas übrig bleibt, was man (gemeinsam) in der Spüle in Angriff nimmt (bei Menschen, die heute hochaltrig sind, war das Spülen von Hand meist über viele Jahrzehnte normal). Wer früher gekocht, gegärtnert, handwerklich gearbeitet, Kinder versorgt, im Büro organisiert, Musik gemacht oder sich um Tiere gekümmert hat, kann daran oft noch auf einfache Weise anknüpfen. Es geht dann nicht darum, frühere Leistungen wiederherzustellen. Es geht darum, Normalität zu ermöglichen: gebraucht werden, mitmachen, etwas beitragen, den eigenen Körper nutzen und einen vertrauten Platz im Alltag behalten auch bei fortgeschrittener Demenz. Genau dafür kann die folgende Liste Anregungen geben.

BeschäftigungWorauf Sie achten sollten
Tisch deckenGeeignet, wenn die Person vertraute Abläufe noch erkennt. Überforderung zeigt sich, wenn Besteck mehrfach umgelegt wird, die Person ratlos stehen bleibt oder gereizt reagiert.
Servietten faltenGut, weil es einfach, wiederholbar und ohne Zeitdruck ist. Gefahr besteht, wenn Perfektion erwartet wird oder Korrekturen beschämend wirken.
Gemüse putzen oder waschenSinnvoll bei früher vertrauter Hausarbeit. Achten Sie auf Messer, Schäler, heißes Wasser und darauf, ob die Person den Ablauf noch sicher versteht.
Obst sortierenNiedrigschwellige Tätigkeit mit sichtbarem Ergebnis. Überforderung kann entstehen, wenn zu viele Sorten, Farben oder Entscheidungen gleichzeitig angeboten werden.
Wäsche zusammenlegenBesonders geeignet bei Handtüchern, Waschlappen oder einfachen Kleidungsstücken. Schwierige Formen, viele Wäschestücke oder Zeitdruck können Stress auslösen.
Socken sortierenKann vertraut und alltagsnah sein. Frust entsteht, wenn zu viele ähnliche Paare vorhanden sind oder die Person ständig korrigiert wird.
Staub wischenGibt das Gefühl, gebraucht zu werden. Gefahr besteht bei wackeligen Möbeln, Kabeln, Stolperstellen oder schwer erreichbaren Flächen.
Blumen gießenEinfach, sinnlich und biografiebezogen. Achten Sie darauf, dass nicht zu viel gegossen wird und keine schweren Kannen getragen werden müssen.
GartenarbeitGut geeignet sind leichte Aufgaben wie Blätter sammeln, Kräuter riechen oder Erde fühlen. Gefahr besteht durch Hitze, Stolperstellen, Gartengeräte oder giftige Pflanzen.
Kräuter riechen oder pflückenSinnesaktivierung ohne hohen Leistungsdruck. Überforderung zeigt sich, wenn zu viele Reize, Fragen oder Entscheidungen auf einmal kommen.
Fotoalbum ansehenKann Erinnerungen und Gesprächsanlässe schaffen. Belastend wird es, wenn die Person Namen wissen „muss“ oder Lücken ständig korrigiert werden.
Bekannte Lieder singenOft lange möglich, auch wenn Sprache schwerer fällt. Achten Sie auf Lautstärke, zu viele Menschen und darauf, ob das Lied traurige Erinnerungen auslöst.
Musik hörenGut bei vertrauter Musik aus früheren Lebensphasen. Zeichen von Überforderung sind Unruhe, Wegdrehen, lautes Mitsprechen ohne Freude oder zunehmende Gereiztheit.
Spaziergang machenFördert Bewegung, Orientierung und Wohlbefinden. Gefahr besteht durch Weglauftendenz, unsicheren Gang, Verkehr, Kälte, Hitze oder zu lange Strecken.
Gemeinsam Kaffee trinkenVertrauter Rahmen mit sozialem Charakter. Achten Sie auf Schluckprobleme, heiße Getränke, Müdigkeit und darauf, Gespräche nicht zu schnell oder zu komplex zu führen.
Einfache BackarbeitenTeig rühren, Plätzchen ausstechen oder Zutaten bereitstellen, kann Freude machen. Gefahr besteht bei Herd, Ofen, Messern, rohen Zutaten und zu vielen Arbeitsschritten.
BastelnGeeignet sind einfache, erwachsene Materialien ohne kindlichen Charakter. Überforderung entsteht bei feinen Schritten, Kleinteilen, Scheren oder unklaren Anleitungen.
Malen oder AusmalenKann beruhigen, wenn kein schönes Ergebnis erwartet wird. Frust entsteht, wenn die Person merkt, dass sie früher „besser“ war oder bewertet wird.
Karten sortierenSpielkarten, Postkarten oder Bildkarten können geordnet werden. Zu viele Kategorien oder abstrakte Aufgaben können verwirren.
Zeitungen durchblätternGut als Gesprächsanlass, auch ohne genaues Lesen. Belastend wird es bei schlechten Nachrichten, kleinen Schriften oder der Erwartung, Inhalte wiederzugeben. Es ist ratsam, die Zeitung vorher zu sichten und kritische Inhalte (Kriegsbilder; gegebenenfalls Nacktheit oder ähnliches) zu entfernen. 
Haustier beobachten oder streichelnKann beruhigen und Nähe ermöglichen. Gefahr besteht, wenn das Tier unruhig ist, kratzt, beißt oder die Person grob beziehungsweise unsicher reagiert.
Erinnerungsgegenstände betrachtenAlte Werkzeuge, Stoffe, Schmuck, Kochutensilien oder Postkarten können viel auslösen. Achten Sie darauf, ob Erinnerungen traurig, ängstigend oder beschämend werden.
Leichte BewegungsübungenSinnvoll sind einfache Bewegungen im Sitzen, Ball weitergeben oder Arme heben. Gefahr besteht bei Schmerzen, Schwindel, Atemnot, Sturzrisiko oder zu hohem Tempo.
Gemeinsam beten oder vertraute Sprüche sprechenKann Sicherheit geben, wenn es zur Biografie passt. Nicht geeignet, wenn Religion belastend war oder die Person dadurch traurig oder ängstlich wird.
Kleidung auswählenKann Selbstbestimmung stärken. Überforderung entsteht, wenn zu viele Kleidungsstücke angeboten werden oder die Auswahl mit Druck verbunden ist.

Berufs- und Hobbybezüge funktionieren am besten, wenn sie an vertraute Handgriffe, Gerüche, Materialien oder Rollen erinnern – aber ohne echten Arbeitsauftrag. Angehörige sollten deshalb nicht fragen: „Kannst du das noch?“. Sondern eher anbieten: „Wollen wir uns das zusammen anschauen?“ oder: „Du kannst mir helfen, das zu sortieren.“ Entscheidend ist nicht das Ergebnis, sondern ob die Person sich sicher, beteiligt und respektiert fühlt.

Früherer Beruf / HobbyMögliche BeschäftigungWorauf Angehörige achten sollten
HandwerkerSchrauben, Muttern oder Holzstücke sortieren; Werkzeug betrachtenKeine scharfen, schweren oder elektrischen Werkzeuge. Überforderung zeigt sich, wenn die Person „richtig arbeiten“ will und sich ärgert, weil es nicht mehr gelingt.
Büro / VerwaltungPapier sortieren, Umschläge zählen, alte Schreibmappe ansehenNicht mit echten Rechnungen, Fristen oder wichtigen Unterlagen arbeiten lassen. Gefahr: Stress, wenn es nach „Arbeit“ und Verantwortung aussieht.
Verkäuferin / VerkäuferWaren ordnen, Einkaufskorb packen, Spielgeld sortierenNicht korrigieren, wenn Preise oder Mengen nicht stimmen. Überforderung entsteht durch zu viele Auswahlmöglichkeiten.
Pflege / Betreuung / HaushaltHandtücher falten, Servietten legen, Blumen versorgenNicht in echte Verantwortung bringen. Gefahr: Die Person fühlt sich zuständig und wird unruhig, wenn „noch etwas erledigt werden muss“.
Landwirtschaft / GartenbauSaatgut ansehen, Kräuter riechen, leichte Gartenarbeit, Obst sortierenHitze, Stolperstellen, scharfe Geräte und giftige Pflanzen beachten. Nicht zu lange draußen bleiben.
Kochen / BackenTeig rühren, Kräuter zupfen, Plätzchen ausstechen, Rezeptbilder ansehenHerd, Ofen, Messer und heiße Flüssigkeiten absichern. Zu viele Arbeitsschritte können schnell überfordern.
Nähen / HandarbeitStoffe sortieren, Wolle wickeln, Knöpfe fühlen oder sortierenNadeln, Scheren und Kleinteile nur nach Fähigkeit einsetzen. Frust möglich, wenn frühere Fingerfertigkeit nicht mehr gelingt.
MusikBekannte Lieder hören, mitsingen, Instrument betrachtenLautstärke und Stimmung beachten. Manche Lieder können Trauer oder Unruhe auslösen.
Sport / VereinAlte Fotos, Trikot, Pokale oder Vereinslieder anschauen; leichte BallbewegungenKeine Leistungsaufforderung. Gefahr besteht bei Sturzrisiko, Ehrgeiz oder Frust über verlorene Fähigkeiten.
Auto / TechnikAutomagazine anschauen, alte Schlüssel sortieren, Fotos früherer Fahrzeuge betrachtenKeine echten Reparaturen oder elektrische Geräte. Gefahr: Die Person möchte losfahren oder „etwas in Ordnung bringen“.
Tiere / HaustiereTierfotos ansehen, Haustier streicheln, Futterdose bereitstellenNur mit ruhigen Tieren. Gefahr besteht, wenn das Tier unberechenbar reagiert oder die Person zu grob zugreift.
Reisen / WandernUrlaubsfotos ansehen, Postkarten sortieren, Landkarte betrachtenNicht abfragen: „Weißt du noch, wo das war?“ Besser erzählen lassen. Karten können auch Weglaufimpulse auslösen.
Kirche / Chor / EhrenamtLieder, Gebete, vertraute Texte, alte Gemeindebriefe ansehenNur anbieten, wenn es positiv besetzt ist. Religiöse Inhalte können auch Schuldgefühle, Angst oder Trauer wecken.
Angeln / NaturAngelzubehör betrachten, Naturfotos ansehen, Federn, Blätter oder Zapfen sammelnHaken, Messer und Schnüre vermeiden. Draußen auf Wetter, Wege und Ermüdung achten.
Lesen / ZeitungGroße Überschriften ansehen, Bilder besprechen, kurze bekannte Texte vorlesenNicht auf Verständnis prüfen. Kleine Schrift, schlechte Nachrichten oder längere Texte können belasten.

Beispiele mit etwas mehr körperlichem Einsatz, aber weiterhin alltagstauglich und sicher dosierbar. Aus Sorge nehmen Angehörige oft zu viel ab. Gut gemeint ist das nicht immer gut für den Körper: Wer kaum noch etwas selbst tun darf, verliert schneller Kraft, wird tagsüber weniger ausgelastet und schläft nachts oft schlechter. Hilfreich sind deshalb kleine Aufgaben mit echtem Sinn, bei denen Bewegung, Kraft und Selbstwirksamkeit zusammenkommen.

TätigkeitNutzen / worauf achten?
Briefkasten leerenKleines Ziel mit Bewegung und Alltagsrolle. Achten Sie auf Treppen, Haustür, Weglauftendenz und Wetter.
Müllbeutel mit leichten Abfällen zur Tonne bringenGibt das Gefühl, etwas Nützliches zu erledigen. Nur leichte Beutel, keine Glasabfälle, keine unübersichtlichen Wege.
Altpapier bündeln oder in eine Kiste legenWiederholende Bewegung mit erkennbarem Ergebnis. Nicht zu viel auf einmal; Papierstapel können schnell unübersichtlich werden.
Leere Pfandflaschen in eine Tasche stellenKörperlich etwas aktiver, aber gut dosierbar. Keine schweren Glasflaschenmengen, keine volle Tasche tragen lassen.
Türgriffe oder Geländer abwischenSinnvolle Tätigkeit mit Armbewegung. Keine aggressiven Reiniger; nicht auf Hocker oder Leitern steigen lassen.
Fensterbank abwischenÜberschaubarer Bereich, sichtbares Ergebnis. Keine Fensterreinigung in Höhe, keine Kippfenster, keine wackelige Standposition.
Schuhe paarweise ins Regal stellenBücken, Greifen, Ordnen – aber alltagsnah. Nicht bei Schwindel oder Sturzrisiko; lieber im Sitzen beginnen lassen.
Jacken an Haken hängenAktiviert Arme und Schulterbereich. Nicht zu hoch hängen lassen; schwere Mäntel vermeiden.
Kissenbezüge abziehenErfordert Kraft und Koordination. Nur langsam und gemeinsam; abbrechen, wenn Frust oder Atemnot entsteht.
Spannbettlaken gemeinsam abziehenMehr körperlicher Einsatz, aber gut gemeinsam machbar. Nicht allein am Bett ziehen lassen, wenn Stand oder Gleichgewicht unsicher sind.
Wolldecke ausschlagen auf Balkon oder TerrasseKräftige, rhythmische Bewegung. Nur bei sicherem Stand; nicht über Brüstung oder Geländer beugen lassen.
Kleine Vorräte vom Tisch in den Schrank räumenGibt eine sinnvolle Aufgabe. Keine schweren Dosen, kein Glas, keine hohen Schränke.
Servierwagen oder Rollwagen schiebenBewegung mit Zweck. Nur auf freier Strecke, ohne Schwellen, Teppichkanten oder enge Kurven.
Pflanzenkübel leicht verschieben – gemeinsamKraft und Beteiligung, wenn Garten oder Balkon wichtig waren. Nur sehr leichte Gefäße, besser schieben als tragen, Rückenbelastung vermeiden.
Gartenschlauch aufrollenKräftigt Arme und Rumpf, oft vertraut. Stolpergefahr durch Schlauch beachten; nicht bei Nässe oder unsicherem Stand.
Erde aus einem kleinen Sack in einen Topf füllenSinnlich, kräftigend, biografiebezogen. Sack nicht schwer heben lassen; Handschuhe nutzen, Verschlucken/Verwechseln vermeiden.
Teppichläufer geradeziehen – gemeinsamGibt körperlichen Einsatz und sichtbares Ergebnis. Nur gemeinsam, keine schweren Teppiche, danach Stolperkanten prüfen.
Wäscheklammern an eine Leine stecken und wieder abnehmenArmbewegung, Greifen, Rhythmus. Leine nicht zu hoch; nicht bei Schulterproblemen oder Frust über Feinmotorik.
Leichte Kisten umstellen„Ich helfe beim Aufräumen“ statt Beschäftigungstherapie. Kisten nur halb füllen, klare Wege, keine Stapelarbeit.
Gegenstände von einem Raum in den anderen bringenMehrere kurze Wege statt langer Spaziergang. Nur ungefährliche Dinge, klare Einzelaufträge, Rückweg begleiten.
Kurze Botengänge in der WohnungZum Beispiel etwas vom Wohnzimmer in die Küche bringen. Nicht mehrere Aufträge auf einmal geben; Gefahr sind Verirren, Stolpern oder Ablenkung.
Im Sitzen mit einem festen Handtuch ziehenSanfter Kraftreiz für Arme und Rumpf, wenn Gehen unsicher ist. Nicht ruckartig, nicht als Wettkampf, sofort stoppen bei Schmerzen.
Aufstehen und Hinsetzen üben im AlltagZum Beispiel vor dem Essen einmal bewusst vom Stuhl aufstehen und wieder setzen. Nur mit stabilem Stuhl, Armlehnen und Begleitung.
Langsam im Flur hin und zurück gehenMehr Bewegung ohne Außenrisiko. Nicht wie Training wirken lassen; Ziel geben, Pausen zulassen, Gangbild beobachten.

 

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