Warum läuft er mir ständig hinterher?
Wenn Menschen mit Demenz ihre Bezugsperson kaum noch aus den Augen lassen
Kaum steht die Ehefrau vom Sofa auf, steht auch ihr Mann auf. Geht sie in die Küche, kommt er hinterher. Holt sie Wäsche aus dem Schlafzimmer, folgt er ihr. Selbst wenn sie nur kurz ins Bad möchte, wartet er vielleicht vor der Tür und fragt nach ihr. Manche Menschen, gerade wenn sie stark mobilitätseingeschränkt sind, verlegen sich auch auf fortwährendes Rufen nach ihrem Angehörigen. Für pflegende Angehörige kann dieses ständige Hinterherlaufen oder Gerufenwerden sehr anstrengend sein. Schließlich braucht jeder Mensch zwischendurch einen Moment für sich. Schnell entsteht der Eindruck: „Ich kann ihn keine Minute allein lassen.“.
Hinter diesem Verhalten steckt meist nicht die Absicht, jemanden zu kontrollieren oder absichtlich zu bedrängen oder zusätzlichen Stress zu verursachen. Für einen Menschen mit Demenz kann die vertraute Bezugsperson zunehmend etwas sehr Wichtiges bieten: Sicherheit und Orientierung in einer immer ihm immer fremder werdenden Welt.
Eine Demenz beeinträchtigt eben nicht nur das Erinnerungsvermögen, sie ist mehr als „Vergesslichkeit“. Auch die Fähigkeit, Situationen einzuordnen, Zusammenhänge zu verstehen und sich in der Umgebung sicher zu orientieren, wird zunehmend beeinträchtigt.
Für einen Menschen ohne kognitive Beeinträchtigung ist es selbstverständlich: Meine Frau ist gerade in die Küche gegangen. Sie kommt gleich wieder. Ein Mensch mit Demenz kann diese Information möglicherweise nicht mehr zuverlässig festhalten. Einige Augenblicke später weiß er vielleicht nicht mehr, wohin seine Frau gegangen ist oder warum sie nicht mehr im Raum ist. Zurück bleibt zunächst nur das Gefühl: Sie ist weg. Wird sie wiederkommen? Wann? Was also liegt dann näher, als aufzustehen und nachzusehen? Das Hinterhergehen kann deshalb eine sehr einfache Strategie sein: Solange die vertraute Person sichtbar oder zumindest in der Nähe ist, muss der Erkrankte nicht ständig neu herausfinden, wo er ist, was gerade geschieht und an wen er sich wenden kann.
Auch die Alzheimer’s Society beschreibt dieses als „trailing“, „following“ oder „checking“ bezeichnete Verhalten. Menschen mit Demenz können einer vertrauten Person folgen oder immer wieder überprüfen, ob sie noch da ist. Unsicherheit, Angst und das Bedürfnis nach Rückversicherung können dabei eine immer wichtigere Rolle im Verlauf spielen.
Für das Verständnis kann daher ein anderer Blickwinkel hilfreich sein: vielleicht sucht der Mensch nicht ständig seine Frau oder seinen Mann – sondern das Gefühl von Sicherheit, das mit dieser Person verbunden ist.
Was Angehörige tun können
Wenn ein Mensch mit Demenz seiner Bezugsperson ständig folgt, steckt dahinter häufig Unsicherheit. Vielleicht weiß er nicht mehr, wohin die andere Person gegangen ist, fühlt sich allein nicht sicher oder sucht Orientierung und Nähe.
Für Angehörige hilft deshalb zunächst die Frage: Wann tritt das Verhalten besonders auf? Wird es in fremder Umgebung, bei Unruhe oder am Abend stärker? Ist der Mensch entspannter, wenn er beschäftigt oder in eine Tätigkeit einbezogen ist? Wenig hilfreich sind meist Aufforderungen wie „Bleib doch endlich sitzen“. Möglicherweise hat der Erkrankte wenige Minuten später bereits vergessen, wohin die Bezugsperson gegangen ist. Besser sind kurze, beruhigende Informationen: „Ich bin gleich wieder da“ oder „Komm ruhig mit.“
Nicht jedes Hinterherlaufen muss verhindert werden. Manchmal lässt sich die Nähe sinnvoll nutzen. Wer in die Küche geht, kann den Menschen mit Demenz beispielsweise beim Tischdecken einbeziehen. Bei der Wäsche können Handtücher gefaltet oder Kleidungsstücke sortiert werden. Aus dem Hinterherlaufen wird so ein gemeinsames Tun. Auch feste Abläufe können Sicherheit geben. Je vertrauter und vorhersehbarer der Alltag ist, desto weniger Orientierung muss immer wieder neu hergestellt werden.
Gleichzeitig dürfen Angehörige ihre eigenen Grenzen ernst nehmen. Wer über Stunden kaum einen Moment für sich hat, braucht Entlastung. Andere Angehörige, Freunde, Nachbarn, Betreuungsangebote oder eine Tagespflege können helfen, damit sich die Sicherheit des Erkrankten nicht ausschließlich an eine einzige Person bindet. Tritt das Hinterherlaufen dagegen plötzlich neu oder deutlich stärker auf, sollte auch an andere Ursachen gedacht werden. Schmerzen, körperliche Beschwerden, Erkrankungen oder Veränderungen der Umgebung können Verhalten ebenfalls beeinflussen. Das Ziel muss also nicht unbedingt sein, das Hinterherlaufen „abzugewöhnen“.
Hilfreicher ist häufig die Frage:
„Was gibt meinem Angehörigen gerade Sicherheit – und wie kann ich diese Sicherheit geben, ohne selbst dauerhaft an meine Grenzen zu kommen?“. Da hilft häufig nur, verschiedene Ideen zu entwickeln und diese auszuprobieren.