Pflegende Angehörige warten oft lange, bis sie über sich selbst sprechen. Einfach weil der Alltag mit dem von Demenz betroffenen Familienmitglied so viel Aufmerksamkeit bindet. Hat er gegessen? Hat sie getrunken? War die Nacht ruhig? Warum ist er so unruhig? Ist der Herd aus? Sind die Tabletten genommen? Kommt sie allein zurück?
Wenn man Angehörige fragt: „Wie geht es Ihnen?“, erzählen sie deshalb oft zuerst, wie es dem Menschen mit Demenz geht.
Das ist verständlich. Aber es zeigt auch: Die eigene Lage verschwindet leicht aus dem Blick.
Dabei belasten nicht nur große Vorfälle wie Stürze, Weglaufen, Schreien oder körperliche Abwehr. Oft ist es eher der Alltag selbst: immer wieder dieselbe Frage beantworten, täglich Diskussionen um Körperpflege, Kleidung oder Essen, ständig aufpassen, nie richtig abschalten, manchmal auch nachts mehrfach gefordert sein. Auch wenn die Dinge für sich genommen keine Notfälle darstellen, können sie in der Summe zur Erschöpfung führen.
Allerdings: gerade bei Demenz verändert sich der Alltag oft langsam. Viele pflegende Angehörige „gleiten“ in immer mehr Aufgaben nach und nach hinein. Was vor einigen Monaten noch eine Ausnahme war, ist plötzlich normal. Mehr Aufsicht. Mehr Sorge. Mehr Müdigkeit. Mehr Bereitschaft. Deshalb ist eine Frage wichtig, die leicht untergeht:
Wie geht es mir eigentlich damit?
Diese Frage ist kein Egoismus. Sie ist wichtig. Denn der Mensch mit Demenz braucht nicht nur Unterstützung. Er braucht möglichst auch eine Bezugsperson, die selbst nicht völlig untergeht.
Ein Buddy ist jemand, bei dem Sie nicht funktionieren müssen
In der professionellen Pflege gibt es nach schwierigen Situationen manchmal kurze Rückversicherung: Kolleginnen und Kollegen schauen nicht nur auf den Patienten oder Bewohner, sondern auch aufeinander. Wie geht es Dir? Kannst du weitermachen? Brauchst Du einen Moment? Das Ganze nennt sich „Buddy-Check“.
Pflegende Angehörige haben so etwas nicht. Sie machen einfach weiter. Genau deshalb kann es klug sein, sich frühzeitig seinen persönlichen „Buddy“ zu suchen. Ein solcher Buddy muss kein Demenzexperte sein. Er muss auch nicht sofort eine Lösung anbieten oder direkt Aufgaben übernehmen. Vor allem am Anfang geht es nicht um Pflegegrad, Tagespflege oder Anträge. Es geht erst einmal um einen geschützten Moment.
Ein Buddy ist jemand, der fragen darf: „Wie geht es Dir damit?“, „Was war heute besonders schwer?“, „Brauchst du gerade Rat – oder erst einmal jemanden, der zuhört?“. Das kann eine Partnerin / Partner sein, ein Freund/in sein, ein Bruder, eine Nachbarin, ein erwachsenes Kind oder eine Person aus einer Angehörigengruppe. Wichtig ist nicht die Fachlichkeit. Wichtig ist, dass Sie als Angehörige nicht nur funktionieren müssen und jemanden haben, der für einen Moment in den Mittelpunkt stellt, wie es Ihnen geht, nicht dem Erkrankten.
Manchmal ist im persönlichen Umfeld niemand geeignet. Manche bewerten zu schnell. Manche geben sofort Ratschläge. Manche fragen nur nach dem Menschen mit Demenz, aber nie nach Ihnen. Dann kann ein anderer Rahmen hilfreicher sein. Selbsthilfegruppen oder Angehörigengruppen können entlasten, weil dort andere Menschen ähnliche Situationen kennen. Man muss nicht alles erklären. Oft reicht schon die Erfahrung: Ich bin nicht die einzige Person, der es so geht. Auch der Austausch in den Foren des Wegweiser Demenz kann genau da hilfreich sein. Diese Foren ersetzen keine persönliche Beratung, können aber ein Ort sein, an dem Angehörige Erfahrungen teilen, Fragen stellen und sich verstanden fühlen.
Warten Sie nicht auf den großen Zusammenbruch
Nach einem anstrengenden Tag müssen Sie nicht alles genau analysieren. Aber drei kurze Fragen können helfen:
- Was war heute besonders belastend?
- Was hat das mit mir gemacht?
- Mit wem kann ich darüber sprechen, bevor ich einfach weitermache?
Holen Sie sich nicht erst Hilfe, wenn gar nichts mehr geht. Ein guter Zeitpunkt ist schon erreicht, wenn Sie merken: Ich schlafe schlechter. Ich fühle mich ständig alarmiert. Ich werde schneller gereizt. Ich sage eigene Termine immer häufiger ab. Ich erzähle auf die Frage „Wie geht es Ihnen?“ nur noch, wie es dem Menschen mit Demenz geht.
Das sind keine Zeichen von Schwäche. Es sind Hinweise, dass Sie Unterstützung brauchen. Vielleicht reicht zunächst ein regelmäßiges Gespräch. Vielleicht hilft eine Angehörigengruppe. Vielleicht ist später auch eine Pflegeberatung wichtig, wenn sich an der Versorgung grundsätzlich etwas ändern muss.
Aber der erste Schritt ist oft kleiner: Bemerken, dass es auch Ihnen nicht gut gehen darf. Und jemanden finden, dem Sie genau das sagen können.
Weitere Anlaufstellen:
- kostenfreies Alzheimer Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V. ( Beratungsangebot für Menschen mit Demenz, Angehörige sowie beruflich und ehrenamtlich Engagierte; Telefonnummer: 030 259 37 95 14)
- Adressdatenbank für Selbsthilfegruppen und regionale Alzheimergesellschaften der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V.
- kostenfreies Ratgeberforum für für Menschen mit Demenz, Angehörige und Interessierte vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
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