Jochen Gust

Einsamkeit und Demenz

Viele Angehörige kennen diese Veränderung: Ein Elternteil zieht sich zurück, sagt Treffen ab, telefoniert seltener oder wirkt selbst in Gesellschaft seltsam allein oder still. Schnell entsteht die Frage: Ist das nur das Alter? Ist es Traurigkeit? Oder kann Einsamkeit sogar mit Demenz zusammenhängen?

Ja, es gibt einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit, sozialer Isolation und Demenz. Aber dieser Zusammenhang ist nicht so einfach, wie es manchmal klingt. Einsamkeit ist kein sicherer Auslöser einer Demenz. Und nicht jeder Mensch, der allein lebt, ist einsam. Gleichzeitig zeigen Studien deutlich, dass Einsamkeit und wenig soziale Teilhabe mit einem erhöhten Risiko für kognitive Verschlechterung und Demenz verbunden sind.

Tipp: zieht sich ein alter Mensch zurück, ist es immer eine gute Idee Seh- und Hörvermögen überprüfen zu lassen und entsprechend für eine passende Brille oder Hörgeräte zu sorgen. Beeinträchtigungen beim Sehen und Hören sind Gründe für eine zurückgehende Teilhabe im Alter. Beim Thema Einsamkeit gilt es zu unterscheiden: Alleinsein, Einsamkeit und soziale Isolation meinen nicht dasselbe. in Mensch kann gern allein sein und sich dabei wohlfühlen. Einsamkeit dagegen ist ein belastendes Gefühl: Die vorhandenen Beziehungen reichen nicht aus, fühlen sich nicht nah genug an oder geben zu wenig Sicherheit. Soziale Isolation beschreibt eher die äußere Situation: wenige Kontakte, seltene Begegnungen, kaum Teilhabe am Alltag anderer Menschen.

Große Studien zeigen: Einsamkeit ist mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden. Eine umfangreiche Metaanalyse mit Daten von mehr als 600.000 Menschen fand ein um etwa 30 Prozent erhöhtes Risiko für eine spätere Demenz bei Menschen, die sich einsam fühlten. Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, wenn andere Faktoren wie Depression, soziale Isolation und weitere Demenzrisiken berücksichtigt wurden. Das heißt, dass Einsamkeit ein Risikofaktor ist beziehungsweise ein Warnsignal. Sie kann mit Prozessen verbunden sein, die dem Gehirn langfristig schaden: weniger geistige Anregung, weniger Bewegung, schlechterer Schlaf, mehr Stress, mehr depressive Symptome oder weniger Unterstützung bei Krankheiten. Denn soziale Kontakte fordern unser Gehirn: zuhören, antworten, sich erinnern, planen, reagieren, Gefühle einordnen, Rollen definieren. Wenn solche Anregungen über lange Zeit fehlen, kann das negative Effekte haben. Auch eine beginnende Demenz kann einsam machen. Wer Gesprächen schlechter folgen kann, Termine vergisst, Namen verwechselt oder sich in Gruppen überfordert fühlt, zieht sich häufig zurück. Manche Menschen schämen sich für Fehler. Andere meiden Situationen, in denen sie merken, dass sie nicht mehr so sicher sind wie früher. Der Rückzug aufgrund der beginnenden Demenz kann schließlich in Einsamkeit münden.

Wie Sie unterstützen können:

Hilfreich sind nicht unbedingt „große Programme“. Vielmehr geht es um verlässliche, vor allem auch passende Kontakte. Eine kleine Aufgabe, bei der sich jemand gebraucht fühlt, kann wichtiger sein als bloße Unterhaltung. Bei Menschen mit beginnender oder bestehender Demenz kommt hinzu: Teilhabe muss oft erleichtert werden. Es reicht nicht, jemanden einzuladen. Manchmal braucht es Abholung, Begleitung, Orientierung, ruhige Orte, vertraute Abläufe und Menschen, die nicht ständig korrigieren. Wer sich dauernd blamiert, zieht sich eher zurück. Wer sich sicher fühlt, bleibt eher in Beziehung.

Die wichtigste Botschaft zum Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Demenz lautet deshalb: Einsamkeit bietet keine eine einfache Erklärung für Demenz. Aber sie ist auch kein nebensächliches Gefühl. Sie ist ein ernst zu nehmender Hinweis auf Belastung. Und sie ist ein Ansatzpunkt, an dem Angehörige helfen können: nicht durch Aktionismus, sondern durch verlässliche Beziehung, passende Unterstützung und das genaue Hinsehen, warum sich jemand zurückzieht.

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