Jochen Gust

Gewaltprävention: nicht auf Unterstützung warten, sondern aktiv Hilfe holen

Auch wenn kaum jemand darüber spricht: Überforderung bis hin zu Gewalt in der häuslichen Pflege kommt vor. Fachquellen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus; es wird vermutet, dass etwa 80 Prozent der Fälle nicht bekannt werden. Für Industriestaaten schätzt die WHO, dass etwa vier bis sechs Prozent der älteren Menschen, die zu Hause gepflegt werden, von Gewalt betroffen sind. In Befragungen berichten pflegende Angehörige zudem nicht selten psychisch verletzende Handlungen (zum Beispiel Anschreien, Beschimpfen, Ignorieren) – und in einer Studie zur Pflege von Menschen mit Demenz gaben 88 Prozent an, innerhalb der vergangenen zwei Wochen „lauter geworden“ zu sein; genannt wurden unter anderem Anschreien, Drohen, zu hartes Anfassen oder Einschränkung des Bewegungsfreiraums.

Wenn Sie merken, dass Sie in der Pflege eines Menschen mit Demenz innerlich „hochfahren“, grob werden oder sogar Angst haben, die Kontrolle zu verlieren, ist das ein Warnsignal – und zugleich ein Zeitpunkt, an dem Hilfe am meisten wirkt. Hilfe holen ist kein Versagen. Es ist aktiver Schutz für Ihren Angehörigen und für Sie.

Warum das passieren kann

Gewalt wird nicht nur an der Absicht festgemacht, sondern an der Wirkung: Eine Handlung (oder das Unterlassen notwendiger Handlungen), die in einer Vertrauensbeziehung Schaden oder Leid verursacht, gilt als Gewalt. In der häuslichen Pflege von Menschen mit Demenz entstehen Eskalationen oft aus Dauerstress, Schlafmangel, fehlender Entlastung, Konflikten aus der Familiengeschichte und dem herausfordernden Verhalten, das bei Demenz vorkommen kann. Gerade fehlendes Wissen und Überforderung sind Aspekte, bei denen eine frühe Reaktion besonders erfolgversprechend sind. 

Frühe Warnzeichen, bei denen Sie nicht warten sollten

  • Sie schreien häufiger, beschimpfen, drohen oder „packen fester zu als nötig“
  • Sie merken körperliche Anspannung: Kiefer pressen, Zittern, Herzrasen, Hitze, können nicht oder schlecht schlafen et cetera
  • Sie denken: „Gleich passiert etwas, das ich bereuen werde“
  • Sie fühlen sich allein verantwortlich, ohne Pause, ohne Ausweg
  • Sie vermeiden Situationen (Waschen, Umziehen), weil Sie Angst vor einer Eskalation haben

Was Sie in der akuten Situation tun können (Kurz-Notfallplan)

  1. Sofort stoppen: Hände lösen, Schritt zurück, ein Satz zu sich selbst: „Stopp. Pause.“
  2. Abstand schaffen: 30 bis 120 Sekunden raus aus der Situation ist besser als „durchziehen“.
  3. Sicherheit herstellen: Stolperfallen weg, scharfe Gegenstände außer Reichweite, Ruhe.
  4. Kurz runterregeln: Fenster auf, Wasser trinken, kaltes Wasser über Handgelenke laufen lassen.
  5. Unterstützung aktivieren: jemanden anrufen, der jetzt übernehmen kann (Familie, Nachbarschaft, ambulanter Dienst).

Hilfe holen: konkrete Wege, die schnell funktionieren

  • Pflegestützpunkt oder Pflegeberatung: Sie bekommen Informationen zu konkreten Entlastungsmöglichkeiten vor Ort (Tagespflege, Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege, Entlastungsleistungen) und Hilfe beim Organisieren.
  • Hausarzt: für Sie (Erschöpfung, Schlaf, Depression, Angst) und für Ihren Menschen mit Demenz (Schmerz, Infekt, Nebenwirkungen als häufige Verstärker von herausforderndem Verhalten).
  • Pflegefachpersonen: nicht nur „Pflege“, sondern auch Anleitung, Struktur und Übernahme besonders in konfliktträchtigen Situationen kann Ihnen ein guter ambulanter Dienst bieten.
  • Alzheimer-Gesellschaft / Angehörigengruppen: Entlastung durch Austausch, alltagstaugliche Strategien, weniger Scham.
  • TelefonSeelsorge (116 123) oder andere Krisentelefone, wenn es akut wird und Sie sofort mit jemandem sprechen müssen. 

Wenn es schon zu Gewalt gekommen ist

Bitte bleiben Sie nicht allein damit. Entscheidend ist, dass Sie jetzt die Wiederholung verhindern. Sprechen Sie mit einer professionellen Stelle (Hausarzt, Pflegestützpunkt, ambulante Pflegefachpersonen) und planen Sie verbindlich Entlastung. Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie die nächste Situation ohne Übergriff schaffen: sorgen Sie für sofortige Ablösung oder holen Sie Hilfe über 110/112. Das schützt Ihren Angehörigen – und auch Sie vor Folgen, die Sie gar nicht wollen. 

Die Versorgung von Menschen mit Demenz kann jeden Menschen an Grenzen bringen. Der mutige Schritt ist nicht „noch mehr aushalten“, sondern rechtzeitig Unterstützung zu organisieren. Je früher Sie handeln, desto eher wird aus Überforderung wieder Versorgung, die beiden Seiten gerecht wird und die Sie selbst sichergestellt wissen wollen.

Weitere Informationen finden Sie auf der Seite "Gewalt in der Pflege" im Wegweiser Demenz.

 

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