Team Wegweiser Demenz

Umgang mit Stress und emotionaler Belastung

Wer einen nahestehenden Menschen begleitet, unterstützt oder pflegt, vergisst oft die eigenen Bedürfnisse. Zwischen der Organisation des Alltags, der ständigen Verfügbarkeit und dem Fokussieren auf die pflegebedürftige Person verliert sich häufig der Blick auf die eigenen Grenzen. Wut, Gereiztheit und das Gefühl, schon bei Kleinigkeiten rot zu sehen, sind dabei keine Zeichen von persönlichem Versagen. Sie sind Hinweise auf Überlastung. 

Es gibt Phasen, in denen man sich selbst kaum wiedererkennt. Man ist schneller genervt, reagiert schärfer als sonst, fühlt sich innerlich angespannt oder hat schon morgens das Gefühl, eigentlich keine Kraft mehr zu haben. Gerade pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz kennen solche Zustände oft sehr gut. Sie entstehen nicht, weil man zu wenig Geduld hat oder nicht belastbar genug ist. Sie entstehen häufig, weil die Belastung über lange Zeit sehr groß geworden ist – und anhält.

Wut und Reizbarkeit haben oft eine Vorgeschichte. Hinter ihnen stehen nicht selten Erschöpfung, Schlafmangel, dauernde Anspannung, Sorgen, Schuldgefühle oder das Gefühl, mit allem allein zu sein. Wer einen Menschen mit Unterstützungsbedarf begleitet, lebt häufig in einer ständigen Alarmbereitschaft. Man hört immer mit einem Ohr hin. Man plant den Alltag um. Man verschiebt eigene Bedürfnisse. Man funktioniert. Und irgendwann meldet sich der Körper oder die Seele mit deutlichen Signalen.

Die Kunst, sich nicht selbst aus den Augen zu verlieren

Ein wichtiger Schritt ist deshalb, Warnzeichen nicht kleinzureden. Viele Angehörige sagen sich lange: „Es geht schon.“, „Andere schaffen das doch auch.“ oder „Ich darf mich jetzt nicht so anstellen“. Aber: Überlastung verschwindet selten, wenn man sie ignoriert. Im Gegenteil: Sie wird oft stärker. Deshalb ist es hilfreich, die eigenen Signale ernst zu nehmen, bevor es zu einer echten Krise kommt.

Woran merken Sie, dass Sie eine Pause brauchen? 

Vielleicht daran, dass Sie kaum noch ruhig sitzen können. Dass Sie sich auf nichts mehr freuen. Dass Sie sich ständig gehetzt fühlen, häufiger weinen oder sehr schnell ärgerlich werden. Möglicherweise auch daran, dass Sie sich schuldig fühlen, obwohl Sie schon sehr viel leisten. Oder daran, dass Sie anderen und sich selbst kaum noch freundlich begegnen. Auch Gedanken wie „Ich kann nicht mehr“, „Ich halte das nicht mehr lange durch“ oder „Ich will einfach nur noch meine Ruhe“ sollten ernst genommen werden. Sie sind keine Schwäche. Sie sind ein Hinweis darauf, dass Unterstützung nötig ist.

Wichtig ist, dass sich selbst Entlastung und eine Pause zu verschaffen nicht immer bedeutet, sofort einen großen Plan haben zu müssen. Das kann sogar zusätzlich belasten, wenn Entlastung nur zum Beispiel mit einem Kurzzeitpflegeplatz möglich scheint. Achten Sie auch darauf, Möglichkeiten „darunter“ für sich zu nutzen. Ein kurzer Spaziergang. Zehn Minuten ohne Ansprache. Ein Telefonat mit einer vertrauten Person. Ein Kaffee in Ruhe. Ein bewusstes Ausatmen am offenen Fenster. Eine kleine feste Insel am Tag, die nur Ihnen gehört. Solche Momente lösen nicht jedes Problem. Aber sie können helfen, nicht völlig auszubrennen. Es bedeutet vor allem, sich selbst so zu behandeln, wie man einen erschöpften Menschen behandeln würde, den man mag: mit etwas mehr Nachsicht, etwas mehr Ruhe und etwas weniger Härte. Wie würden Sie mit einem Freund oder einer Freundin in Ihrer Situation umgehen? Welchen Rat würden Sie geben?

Vielleicht hilft es, sich ab und zu bewusst zu sagen: Ich leiste viel. Ich darf müde sein. Ich muss nicht alles allein schaffen. Ich darf Hilfe annehmen. Solche Sätze wirken manchmal ungewohnt oder sogar fremd. Aber sie setzen einen wichtigen Gegenpol zu dem inneren Druck, der viele Angehörige begleitet.

Ebenso wichtig ist ein ehrlicher Blick auf die eigene Situation: Was genau erschöpft mich gerade am meisten? Ist es die Verantwortung? Die Unvorhersehbarkeit? Das ständige Organisieren? Die emotionale Spannung? Die Schlafunterbrechung? Die Einsamkeit? Je klarer wird, was die Belastung antreibt, desto gezielter kann Entlastung gesucht werden. Manchmal hilft schon die Frage: Was wäre die kleinste Veränderung, die mir im Alltag gerade helfen würde?

Wenn es Ihnen schlecht geht, müssen Sie nicht erst warten, bis gar nichts mehr geht. Unterstützung kann an verschiedenen Stellen beginnen. Ein Gespräch mit einer vertrauten Person kann entlasten. Ebenso hilfreich kann es sein, bei einer Beratungsstelle nachzufragen, welche Entlastungsangebote es vor Ort gibt. Auch Angehörigengruppen können guttun, weil dort Menschen sitzen, die ähnliche Erfahrungen machen und nicht erst lange erklärt bekommen müssen, warum bestimmte Situationen so anstrengend sind. Solche Menschen finden Sie auch in unseren kostenfreien Ratgeberforen im Wegweiser Demenz

 

 Wenn Sie merken, dass alles zu viel wird:

  • Nehmen Sie Warnzeichen ernst.
  • Sprechen Sie mit einer vertrauten Person.
  • Informieren Sie sich über Entlastungsangebote.
  • Holen Sie sich Beratung, bevor die Krise größer wird.
  • Suchen Sie bei akuter seelischer Belastung sofort Hilfe.

 

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