Sandra Rohmann

Vom Büro an den Frühstückstisch

Was ich im Alltag mit Menschen mit Demenz über Rituale und Nähe gelernt habe.

Früher begann mein Arbeitstag mit dem ersten Blick ins E-Mail-Postfach. Zahlen, Termine, To-do-Listen. Heute beginnt er mit dem Duft von Kaffee – und einem Oldie-Sender im Hintergrund. Oft läuft ein Lied aus den 60er- oder 70er-Jahren, und plötzlich wird am Tisch lebhaft diskutiert:

„Das ist doch Roy Black!“

„Nein, das ist ganz sicher Peter Alexander!“

Wir raten gemeinsam, wer gerade singt – mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit und noch mehr Freude. Was von außen wie ein gemütliches Frühstück aussieht, ist in Wirklichkeit ein wichtiger Teil der Betreuung. Rituale wie das gemeinsame Sitzen, das Hören vertrauter Musik oder das Lesen der Zeitung geben Menschen mit Demenz Orientierung. Sie strukturieren den Tag und vermitteln Sicherheit. Und wir sitzen meist ein bisschen länger. Wir lesen gemeinsam Zeitung. Schauen Bilder an. Sprechen über das Wetter oder über Erinnerungen, die ein Lied wachruft.

Dieses „länger sitzen“ ist kein Zeitverlust.

Es ist Beziehungszeit. Ich arbeite als angehende Betreuungskraft nach §43b/55 in einem Pflegeheim. Viele Jahre zuvor war ich im Büro tätig – strukturiert, zielorientiert, Termin getaktet.

Der Unterschied könnte größer kaum sein.

Im Büro ging es um Effizienz.

Am Frühstückstisch geht es um Beziehung.

Doch gerade in dieser Beziehung liegt etwas sehr Wirksames: Wiederholung.

Menschen mit Demenz verlieren nach und nach die Sicherheit im Neuen. Vertraute Abläufe hingegen geben Halt. Ein gleichbleibender Platz am Tisch, dieselbe Uhrzeit, ein bekanntes Lied – all das schafft Orientierung, ohne dass viel erklärt werden muss.

Das gilt nicht nur in Einrichtungen. Auch zu Hause können kleine, verlässliche Rituale helfen: ein fester Ablauf am Morgen, eine bestimmte Tasse, ein vertrautes Lied beim Kaffeekochen. Es sind oft die kleinen Dinge, die Stabilität geben.

Nicht jeder Morgen ist leicht. Manchmal sitzt jemand still da. Der Blick geht ins Leere. Gedanken drehen sich im Kreis, eine typische Gedankenschleife, wie sie bei Demenz häufig vorkommt. Von außen wirkt das manchmal wie Sturheit oder Rückzug. Doch oft ist es schlicht Überforderung. In solchen Momenten hilft kein Argument. Aber oft hilft Nähe. Eine Hand zu halten. Ruhig da zu bleiben. Einen sanften Impuls zu setzen – vielleicht durch Musik oder eine einfache Frage.

Musik erreicht häufig Bereiche, die Sprache nicht mehr erreicht. Ein vertrauter Refrain kann Erinnerungen öffnen oder zumindest für einen Augenblick ein Lächeln hervorzaubern. Und wenn dieses Lächeln kommt, verändert sich oft der ganze Vormittag

Es sind auch die leisen Begegnungen, die bleiben.

Wenn mir jemand wohlbehütete Fotos aus der Vergangenheit zeigt.

Wenn aus einem vergilbten Bild eine Lebensgeschichte wird.

Wenn ich mir Zeit nehmen darf, zuzuhören.

Diese Momente lassen sich nicht in Kennzahlen fassen.

Aber sie sind spürbar – für die Bewohner ebenso wie für mich.

Ich habe viele Jahre Leistung gemessen.

Heute messe ich anders.

Es macht mich zufrieden, wenn ich einem Menschen ein gutes Gefühl geben konnte. Wenn jemand entspannter vom Tisch aufsteht, als er sich gesetzt hat. Wenn ich eine Gedankenschleife behutsam unterbrechen und ein Lächeln ermöglichen konnte.

Kein Hosenanzug.

Kein Karrieredruck.

Kein „höher, schneller, weiter“.

Stattdessen Sinn. Ich persönlich fühle mich angekommen. Nicht weil dieser Beruf einfacher wäre – sondern weil er unmittelbarer ist. Betreuung ist keine Nebenaufgabe.

Sie ist Beziehungsarbeit. Und sie beginnt manchmal mit einem „Evergreen“ im Radio – an einem Frühstückstisch, an dem Menschen sich gesehen fühlen.

 

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