Sandra Rohmann

Was ich beim Fasching im Heim gelernt habe

Ich arbeite noch nicht lange in der Betreuung.
Und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie Fasching in einem Heim aussehen soll.

Fasching im Heim.
Ohne Polonaise. Ohne Konfetti. Ohne Berliner mit Puderzucker.

Ich gebe zu: Ich hatte meine Zweifel.
Vielleicht zu Unrecht.

Das ist ja wie Silvester ohne Mitternacht, dachte ich.
Wie soll das gehen?
Und vor allem: Haben sie da überhaupt Lust drauf?

Der Akkordeonspieler setzte vorsichtig an, fast ein wenig fragend.
Ein paar Füße wippten. Zögerlich.

Dann wurde es lebendiger.

Viele der Bewohner leben mit Demenz.
Vieles ist ihnen im Alltag entglitten – Namen, Zusammenhänge, manchmal auch der rote Faden des Tages.
Aber was geblieben ist, zeigt sich oft genau in solchen Momenten.

Eine Bewohnerin gönnte sich drei Gläser Wein und sang gut gelaunt jedes Lied mit,
und auch die, bei denen sie sich nicht ganz sicher war.

Eine andere „tanzte“ im Rollstuhl.
Nicht spektakulär, aber bestimmt.

Und plötzlich war da etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Stimmung.

Und dann war da noch sie.

Die Frau, die mir morgens regelmäßig erklärt, dass an diesem Tag rein gar nichts gut sei.
„Alles ist Mist“, sagt sie dann. Jeden Tag ein bisschen überzeugt davon.

Ausgerechnet sie stand an diesem Nachmittag im Mittelpunkt.
Sie forderte andere zum Tanzen auf.
Sie lachte.
Sie strahlte.

Vielleicht war es die Musik.
Vielleicht ein vertrautes Gefühl, das irgendwo noch gespeichert ist.
Etwas, das auch dann bleibt, wenn vieles andere längst verschwunden scheint.

Und für einen Moment war alles ganz leicht.

Vielleicht ist Feiern keine Frage der Lautstärke.
Vielleicht müssen Feste nicht bunt und rauschend sein.

Vielleicht braucht es keine Polonaise,
sondern nur ein Lied, das der Körper noch kennt.
Vertraute Gesichter.
Und den richtigen Moment.

Und vielleicht habe ich an diesem Nachmittag gemerkt,
wie schnell wir Jüngeren glauben zu wissen,
was alten Menschen fehlt –
und wie oft wir uns dabei irren.

Gerade bei Menschen mit Demenz geht es oft nicht darum, etwas Neues zu verstehen,
sondern darum, etwas Vertrautes wiederzufinden.

Am Ende sagte jemand:
„So ein Nachmittag tut einfach gut.“

Und ich dachte:
Ja. Das tut er.

 

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