Jochen Gust

Wenn nichts mehr von selbst kommt: Apathie bei Demenz kann Angehörige stark belasten

Er sitzt stundenlang im Sessel. Sie fragt nicht nach Beschäftigung, möchte nicht spazieren gehen und beteiligt sich kaum noch an Gesprächen. Von außen wirkt das vielleicht sogar unkompliziert: Der Mensch mit Demenz ist ruhig, läuft nicht weg, wird nicht aggressiv und stellt kaum Forderungen. 

Für Angehörige kann genau dieses Verhalten jedoch sehr belastend sein. Apathie gehört zu den häufigsten Begleiterscheinungen einer Demenz – und wird leicht unterschätzt. Untersuchungen zeigen, dass sie für Angehörige teilweise zu den belastendsten Verhaltensveränderungen überhaupt gehört. Gerade bei sehr engagierten Angehörigen führt die Apathie des Familienmitglieds mit Demenz häufig zum Gefühl, dass viele Bemühungen einfach ins Leere laufen, unerwünscht sind oder abprallen. Wer als Angehöriger einen apathischen Menschen begleitet, trägt häufig eine doppelte Initiativ-Last: für sich selbst und für den anderen Menschen. Das kann stark belasten, auf Dauer gar zermürbend wirken. 

Was ist Apathie?

Apathie bedeutet einen deutlichen Verlust von Antrieb, Motivation und Eigeninitiative. Betroffene beginnen Tätigkeiten kaum noch von selbst, zeigen weniger Interesse und reagieren häufig schwächer auf ihre Umgebung.

Das kann bedeuten:

  • Aktivitäten werden nicht mehr selbst begonnen.
  • Essen, Körperpflege oder Bewegung müssen von den Angehörigen angestoßen werden.
  • Gespräche werden kaum initiiert.
  • Frühere Interessen verlieren scheinbar an Bedeutung.
  • Die Person wirkt gleichgültig oder wenig beteiligt.

Wichtig ist: Apathie ist weder Faulheit noch Bequemlichkeit. Bei einer Demenz können jene Hirnfunktionen beeinträchtigt sein, die die Motivation, Planung und das Beginnen einer Handlung ermöglichen. Apathie tritt bei einer Demenz oft auf, allerdings auch nicht bei jedem Menschen. Je nach untersuchter Gruppe und Definition finden Studien sehr unterschiedliche Häufigkeiten, auch abhängig von der Demenzform. 

Welche Risiken gibt es?

Apathie betrifft nicht nur Freizeit und Beschäftigung. Wenn Eigeninitiative fehlt, können auch wichtige Alltagshandlungen zunehmend unterbleiben.

Angehörige sollten deshalb insbesondere darauf achten, ob der Mensch mit Demenz noch ausreichend

  • isst und trinkt,
  • sich bewegt,
  • Körperpflege zulässt oder durchführt,
  • soziale Kontakte erlebt
  • und regelmäßig am Alltag teilnimmt.

Apathie kann außerdem mit einem zunehmenden Verlust von Alltagsfähigkeiten einhergehen.

Was können Angehörige tun?

Ein wichtiger Grundsatz lautet:

Nicht darauf warten, dass von selbst Motivation entsteht. Die Frage „Was möchtest Du heute machen?“ kann bereits zu schwierig sein. Sie verlangt, Möglichkeiten zu überlegen, sie abzuwägen, eine Entscheidung zu treffen und anschließend selbst eine Handlung zu beginnen.

Oft helfen konkrete Impulse besser.

Statt:

„Willst Du Dich etwas bewegen?“

besser:

„Komm, wir gehen zusammen einmal zum Briefkasten.“

Statt:

„Willst du beim Essen helfen?“

besser:

„Stellst Du bitte diese beiden Teller auf den Tisch?“

Dabei sollte Aktivierung nicht zu ständigem Druck werden. Ein Mensch mit Demenz muss nicht permanent beschäftigt werden. Auch Ruhe und Nichtstun dürfen zum Alltag gehören.

Sollte man einen Arzt hinzuziehen?

Eine neu auftretende oder deutlich zunehmende Apathie sollte ärztlich angesprochen werden. Nicht jede Antriebslosigkeit ist automatisch eine Folge der Demenz. Auch körperliche Erkrankungen, Schmerzen, Nebenwirkungen von Medikamenten oder eine Depression können dahinterstecken.

Besonders wichtig ist die Abgrenzung zur Depression. Beide können ähnlich aussehen: Rückzug, wenig Aktivität und geringes Interesse – ärztlicher Rat kann helfen. 

Ruhig bedeutet nicht automatisch unkompliziert

Menschen mit Apathie fallen häufig weniger auf als Menschen, die laut, unruhig oder aggressiv sind. Gerade deshalb wird ihre Situation leicht unterschätzt. Für Angehörige kann es jedoch enorm anstrengend sein, ständig der Motor des gemeinsamen Alltags sein zu müssen. 

Zu wissen, dass dieses Verhalten Teil einer Demenz sein kann, löst das Problem nicht. Es kann aber eine wichtige Fehlinterpretation verhindern: Der Mensch macht nicht deshalb nichts, weil ihm seine Familie gleichgültig geworden ist oder weil er sich „einfach nicht bemühen will“.

Manchmal fehlt nicht die Fähigkeit zu einer Handlung – sondern der Antrieb, sie überhaupt zu beginnen.

Haben Sie Fragen oder Anregungen zu diesem Beitrag? Dann schreiben Sie uns gern über unser Kontaktformular.