Aggression

Menschen mit Demenz können unfreundlich und aggressiv erscheinen. Das liegt oft daran, dass sie Handlungen und Situationen nicht verstehen. Sie finden sich in ihrer Umgebung nicht mehr zurecht und können sich immer weniger verständigen. Im Zuge einer Demenz kann sich auch das Wesen verändern oder ein altes Familienproblem zutage treten. Angehörige und Pflegende können durch ihr Verhalten dazu beitragen, Konflikte zu vermeiden. Es kann sinnvoll sein, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen, da diese Auseinandersetzungen sehr anstrengend und zugleich nicht zu „gewinnen“ sind.

Sich in den Kranken einfühlen

Dass man nachts aufwacht und einen Moment lang nicht weiß, wo man ist, passiert wahrscheinlich auch Ihnen manchmal. Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz erleben Situationen wie diese sehr oft – auch tagsüber. Allerdings dauert bei ihnen die Phase, bis sie sich zurechtgefunden haben, viel länger. Viele von ihnen fühlen sich permanent verloren. Keine Aufgabe mehr zu haben macht sie unzufrieden; täglich immer neue Defizite zu erleben und an ihrem Verstand zu zweifeln stimmt einige ängstlich, andere wütend. Als Angehörige und Pflegende sollten Sie sich dies bewusst machen, wenn Ihr Geduldsfaden zu reißen droht. Beschuldigt Sie der erkrankte Mensch, etwas verlegt oder gar gestohlen zu haben, dann denken Sie daran, dass er seine Fehler und Gedächtnislücken aus Selbstschutz verleugnet. Versuchen Sie herauszufinden, was er möchte, oder über was er sich aufregt, wenn er seinem Ärger lautstark Luft macht.

An andere Krankheiten denken

Wenn Menschen mit Demenz, die eigentlich sehr umgänglich und ruhig sind, von heute auf morgen nicht mehr aufhören zu schimpfen und zu schreien, und scheinbar übermäßig gereizt sind, dann können auch körperliche Beschwerden und Schmerzen die Ursache sein. Fragen Sie direkt nach, ob und was ihnen wehtut, wenn sie noch durch verbale Kommunikation zu erreichen ist. Beobachten Sie auch ihre Körpersprache genau: Werden bestimmte Körperteile gerieben oder gehalten? Ist eine Schonhaltung zu sehen? Lässt eine flache, schnelle Atmung auf Schmerzen schließen? Weist starkes Schwitzen auf Fieber hin? Könnte das plötzlich deutlich häufigere Aufsuchen der Toilette ein Anzeichen für einen Harnwegsinfekt sein? Holen Sie sich im Zweifelsfall ärztlichen Rat.

Ablenken, nachgeben und erklären

Erzählt Ihr Vater, dass er sich mit Freunden zum Skatspielen verabredet hat, obwohl diese schon lange tot sind? Um Streit zu vermeiden, sollten Sie ihn nicht korrigieren. Sprechen Sie stattdessen über die erwähnten Freunde und lenken Sie ihn mit Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse mit seinen „Skatbrüdern“ von der vermeintlichen „Verabredung“ ab. Geben Sie nach, wenn er auf Behauptungen beharrt, obwohl sie nachweislich falsch sind. Falls er dazu neigt, die Wohnung zu verlassen und herumzuwandern, informieren Sie die Nachbarschaft über die Erkrankung und ihre Auswirkungen auf sein Verhalten in Stresssituationen. Im besten Fall haben Ihre Mitmenschen dann ein Auge auf ihn, zeigen mehr Verständnis und können ihn nach Hause begleiten.

Selbstvertrauen stärken

Sprechen Sie mit Menschen mit Demenz über früher, und besonders über Dinge, die ihnen am Herzen liegen und auf die sie stolz sind. Egal, ob Sie beispielsweise über den hausfraulichen Einfallsreichtum in der Nachkriegszeit oder über frühere wissenschaftliche Leistungen reden, vermitteln Sie das Gefühl, dass Sie sie ernst nehmen und ihre Lebensleistungen anerkennen. Lassen Sie sie beispielsweise im Haushalt helfen, auch wenn sie die ihnen übertragene Aufgabe vielleicht sehr langsam oder auch fehlerhaft angehen. Lassen Sie sie weiter einkaufen, auch wenn sie dabei die Hälfte vergessen. Loben Sie sie für das Mitgebrachte und danken Sie ihnen für die Hilfe. Das fördert die Zufriedenheit, gibt Selbstvertrauen und vermindert Aggressionen. Vielleicht lassen Sie auch die Angestellten im Supermarkt wissen, dass Ihr Familienmitglied demenzkrank ist. Wenn dann zehn Tuben Zahncreme im Einkaufskorb liegen, weiß die Kassiererin, dass Sie neun davon wahrscheinlich wieder zurückbringen werden.

Den Rettungsanker Humor nutzen

Um Konflikten und Aggressionen vorzubeugen, hilft es auch, den Sinn für Humor zu trainieren. Lachen entwaffnet und entspannt nämlich alle Beteiligten. Versuchen Sie deshalb, neben all dem Tragischen und Nervenaufreibenden in der Begleitung von Menschen mit Demenz gezielt auch die sich ergebende Situationskomik wahrzunehmen, und gemeinsam mit ihnen darüber zu lachen (allerdings nicht über die Betroffenen!). Schauen Sie sich immer mal wieder gemeinsam lustige Filme an, am besten solche, die ohne viel Sprache auskommen (zum Beispiel „Die kleinen Strolche“, „Väter der Klamotte“, „Dick und Doof“ aus der Stummfilmzeit, oder aktuellere wie „Mr. Bean") – das hebt die Stimmung. Sie können den Aggressionen von Menschen mit Demenz auch vorbauen, indem sie ihnen zum Ausgleich für die von ihnen erlebten Niederlagen und Frustrationen Momente von Schadenfreude ermöglichen: Es tut ihnen erwiesenermaßen gut, wenn wir sie auf unsere eigenen Ungeschicklichkeiten hinweisen, uns bewusst dümmer anstellen, als wir sind, und ihnen so Gelegenheit geben, uns auszulachen.

Die eigene Ausstrahlung reflektieren

Menschen mit Demenz werden zunehmend von den Emotionen und Verfassungen der Personen in ihrer Umgebung angesteckt. Zudem deuten sie manche nonverbalen Signale falsch – so nehmen sie beispielsweise einen konzentrierten Gesichtsausdruck irrtümlicherweise als Anzeichen für Ärger und schlechte Laune wahr. Daher ist es zur Vorbeugung herausfordernder Verhaltensweisen wie beispielsweise Schreien und Um-sich-Schlagen auch sinnvoll, seine eigenen Verhaltensweisen und seine Körpersprache zu reflektieren:

Um Angst und Erschrecken zu vermeiden, sollten Sie niemals von hinten an Betroffene herantreten oder sie ohne Vorankündigung berühren. Um keine Blockaden und Widerstände bei irgendwelchen gemeinsamen Aktivitäten heraufzubeschwören, sollten Sie Menschen mit Demenz niemals hetzen: Je mehr Sie sie zum Beeilen drängen, desto langsamer werden sie nämlich in der Regel, und desto schlechter „funktionieren“ sie. Um Missverständnisse und Aufregung zu verhindern, sollten Sie niemals mit sehr lauter und überdies hoher, schriller Stimme mit ihnen sprechen, denn das interpretieren sie als Anzeichen für Wut. Machen Sie sich zudem klar, dass sie, wenn sie auch schwerhörig sind, hohe Töne deutlich schlechter hören können – sie verstehen also das Gesagte nicht besser, sondern schlechter, wenn sie zu laut und eben mit zu hoher Stimme mit ihnen sprechen. Um Gereiztheit und Überforderung von Menschen mit Demenz vorzubeugen, hilft es schließlich auch, unnötigen, und sowohl von Gesprächen als auch von Aktivitäten ablenkenden Hintergrundlärm auf ein Minimum zu reduzieren.

Ruhe bewahren

Sie haben sich viel Mühe gegeben, etwas Leckeres zuzubereiten, Ihr demenzkranker Angehöriger schmeißt "den Fraß" aber einfach auf den Boden? Solche Situationen sind selbst für ausgebildete Pflegekräfte schwer auszuhalten. Doch einige Menschen mit Demenz werden leider gelegentlich so wütend, dass sie anfangen, um sich zu schlagen und mit Sachen zu werfen. Versuchen Sie, auch in diesen Situationen Ruhe zu bewahren. Verzichten Sie darauf, zu schimpfen und sich auf den Konflikt einzulassen, auch wenn das sehr schwer fällt: einen Streit mit einem Menschen mit Demenz kann man nicht gewinnen, weder mit rationalen noch mit emotionalen Argumenten! Gehen Sie stattdessen aus dem Raum und lassen Sie Ihr demenzkrankes Familienmitglied kurz allein. Häufig beruhigt es sich schnell und wird wieder zugänglich.

Auch für sich selbst sorgen

Es ist normal, wütend zu werden, wenn Erkrankte jedes Mal Widerstand leisten, sobald sie gewaschen werden sollen. Es ist auch nachvollziehbar, dass man früher oder später erschöpft ist und die eigene Gesundheit leidet, wenn Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz jede Nacht um Hilfe rufen. Kein Mensch hat die Kraft, dies über längere Zeit allein auszuhalten. Lassen Sie sich von anderen unterstützen. Verteilen Sie die Aufgaben innerhalb der Familie oder holen Sie sich professionelle Hilfe. Ein ambulanter Pflegedienst, eine Kurzzeit- oder Verhinderungspflege verschafft Ihnen notwendige Auszeiten.

Hilfsangebote

Neben Selbsthilfegruppen, Internetforen oder Weblogs können Sie sich auch in Angehörigenschulungen und Selbsthilfegruppen Rat holen und Erfahrungen austauschen. Informieren Sie sich über Angebote bei Beratungsstellen oder Pflegestützpunkten. Adressen für diese Hilfsangebote erhalten Sie bei den regionalen Alzheimer Gesellschaften, den Gedächtnisambulanzen und den Krankenkassen.