Kommunikation

Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz verlieren nach und nach die Fähigkeit, verbal zu kommunizieren. Das ist für alle Betroffenen schmerzlich. Normale Gespräche mit der Mutter oder dem Vater, dem Partner oder der Partnerin werden zunächst schwierig, dann unmöglich. Wichtig ist es, sich immer wieder in die Situation der erkrankten Person zu versetzen und die eigene Kommunikationsweise jeweils an ihre aktuelle Auffassungsgabe anzupassen. Dann finden sich nach einigem Ausprobieren und mit etwas Glück Wege, um im Gespräch, oder wenigstens im emotionalen Kontakt miteinander zu bleiben.

Verständnis aufbringen

Wir alle müssen lernen, uns auf die nachlassenden sprachlichen Fähigkeiten und Verhaltensveränderungen von Menschen mit Demenz einzustellen – denn die Krankheit macht es ihnen im Laufe der Zeit unmöglich, wie früher zu „funktionieren“ oder sich an unsere Bedürfnisse und Erwartungen anzupassen.

Menschen mit Demenz fällt es krankheitsbedingt immer schwerer, die richtigen Worte zu finden. Am Anfang umschreiben viele die Begriffe, die ihnen nicht einfallen. Sie bezeichnen beispielsweise die Milch für den Kaffee manchmal als „das Weiße, das ins Schwarze gehört“. Später „erfinden“ einige neue Wörter, indem sie aus bekannten Silben auf kreative Art und Weise neue Begriffe zusammensetzen: So wird aus der Milch manchmal „Müsliwasser“ oder gar „Kuhbusensaft“. Später verwechseln sie auch Wörter miteinander. Das passiert zum einen bei inhaltlich ähnlichen Begriffen: Sie sagen Tee, meinen aber Kaffee. Sie sprechen vom Hund, meinen aber die Katze. Tatsächlich bringen manche sogar gegensätzliche Wörter durcheinander, wie ja und nein, heiß und kalt! Zum anderen kommt es vor, dass sie statt der wirklich gemeinten Worte solche aussprechen, die lediglich ähnlich klingen. So sagen sie etwa Tasche statt Tasse, Knoten statt Knospen, Mond statt Mohn und anderes. Mit anderen Worten: Das, was Menschen mit Demenz von sich geben, klingt vielleicht manchmal merkwürdig – es enthält in der Regel aber eine sinnvolle Botschaft. Ihre Worte haben oft einen versteckten, aber zumindest teilweise rekonstruierbaren Sinn, und den können wir mit etwas detektivischem Gespür herausfinden.

Obwohl sie oftmals besser verstehen als selber sprechen können, können viele doch irgendwann selbst alltäglichen Gesprächen nicht mehr folgen. Stellen Sie sich vor, die Menschen in Ihrer Umgebung sprechen ständig von Dingen, die Sie nicht verstehen. Jeder tut aber so, als sei alles ganz selbstverständlich. Wie würden Sie reagieren? Verstört? Verärgert? Eingeschüchtert? Wenn Sie diese Fragen mit Ja beantworten, wissen Sie, wie es Menschen mit Demenz sehr häufig geht.

Manche Menschen mit Demenz vergessen krankheitsbedingt auch, wie man ein höfliches Gespräch führt. An Regeln, an die sie sich nicht erinnern, können sie sich naturgemäß nicht halten. So verunsichert es viele von uns, wenn sie beim Zuhören nicht den Blickkontakt halten. Einige von ihnen schließen sogar die Augen, wenn wir ihnen etwas erzählen. Anders als wir meinen, heißt das aber nicht zwingend, dass sie müde oder desinteressiert sind. Ganz im Gegenteil: Manchmal bedeutet das lediglich, dass sie sich auf unsere Worte konzentrieren, und nicht von optischen Reizen abgelenkt werden möchten. Viele von uns reagieren auch irritiert, wenn sie uns ins Wort fallen, oder ständig und unvermittelt das Thema wechseln. Einige Menschen mit Demenz stehen sogar auf und gehen, wenn sie ein Gespräch langweilig oder unverständlich finden. Auch kommt es vor, dass ihre Antworten überhaupt nicht zu den ihnen gestellten Fragen passen. Das ist aber nicht böse oder unhöflich gemeint. Es liegt meistens daran, dass sie die Fragen nicht verstanden haben. Ähnlich wie schwerhörige Menschen versuchen sie nämlich oft, Verständnisprobleme zu vertuschen. Sie reimen sich dementsprechend zusammen, was wir gesagt haben könnten oder sie weichen in Allerweltsfloskeln aus.

Weil ihr Kurzzeitgedächtnis sie immer mehr im Stich lässt, können sich manche schon nach wenigen Minuten nicht mehr daran erinnern, was sie kurz zuvor gesagt haben. Deshalb neigen viele Menschen mit Demenz dazu, sich unabsichtlich zu wiederholen: Sie erzählen dieselben Geschichten oder Witze immer wieder, und sie stellen mehrmals nacheinander dieselben Fragen. Es ist sinnlos, sie darauf hinzuweisen, dass Sie ihnen eine Frage vor fünf Minuten schon einmal beantwortet haben. Vielmehr löst dies unter Umständen Aggressionen und Konflikte aus. Um eine Eskalation zu vermeiden, sollten Sie möglichst geduldig auf solche Wiederholungen reagieren, auch wenn es schwerfällt. Antworten Sie lieber noch einmal oder lenken Sie das Gespräch auf ein anderes Thema. Bevor Ihnen der Kragen platzt und Sie zu schimpfen beginnen, verlassen Sie besser kurz den Raum.

Wichtig ist auch zu verstehen, dass viele Menschen mit Demenz sich umso jünger fühlen, je weiter ihre Krankheit vorangeschritten ist. Anfangs halten sie sich für einige wenige Jahre jünger, als sie tatsächlich sind. Später gaukelt der Gedächtnisverlust ihnen vor, dass sie beispielsweise noch mitten im Berufsleben stehen, oder eine junge Mutter sind. Manch einer wähnt sich in der fortgeschrittenen Demenz tatsächlich wieder in der Kindheit und ist felsenfest davon überzeugt, dass seine Eltern noch leben. Entsprechend bringen Menschen mit Demenz manchmal Vergangenheit und Gegenwart durcheinander: Der eine will sich frühmorgens auf den Weg ins Büro machen, obwohl er seit Jahren in Rente ist; die andere behauptet, ihre Mutter hätte sie am Nachmittag besucht, obwohl die seit vielen Jahren tot ist. Oftmals holen sie weder gutes Zureden noch Argumente in unsere Realität zurück. Deshalb ist es besser, sich ein Stück weit auf ihre Realität einzulassen. Dazu gehört, ihre in unseren Augen unwahren Äußerungen nicht als Lügen abzutun, und ihr uns unangemessen erscheinendes Verhalten ernst zu nehmen: Wir müssen verstehen, dass sie uns damit Hinweise auf reale Gefühle und Bedürfnisse geben, und uns zeigen, wie sie die Welt um sich herum deuten. So sollten wir begreifen, dass der Mann, der morgens pünktlich zur Arbeit gehen will, immer noch von Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit angetrieben wird. Er braucht eine Aufgabe, um sich nicht nutzlos zu fühlen. Die Frau, die von ihrer verstorbenen Mutter erzählt, fühlt sich in dem Moment vielleicht verloren und braucht jemanden, der ihr Nähe, Trost und Geborgenheit anbietet.

Nonverbale Kommunikation

Die meisten Menschen mit Demenz beherrschen die Körpersprache länger als die Wortsprache: Je größer ihre Probleme mit der verbalen Kommunikation werden, desto öfter versuchen sie, ihre eigenen Botschaften durch Pantomime und Zeigegesten zu übermitteln. Und desto genauer schauen sie auch auf unsere Körpersprache. Das birgt Chancen, aber auch ungeahnte Gefahren.

So können wir ihnen helfen, inhaltliche Botschaften besser zu verstehen, indem auch wir unsere Worte gestisch und pantomimisch untermalen und das Gemeinte vormachen, etwa wenn wir sie zur Körperpflege anleiten oder sie um Hilfe im Haushalt bitten.

Manche emotionalen Botschaften lassen sich ganz ohne Worte vermitteln. Berührungen – Streicheln, in den Arm nehmen, eine Massage – sind sehr direkte Wege der Verständigung. Die körperliche Zuwendung erzeugt oft eine größere Nähe als jedes Gespräch.

Viele Menschen mit Demenz schauen nicht nur sehr genau hin – sie durchschauen uns erstaunlicherweise auch öfter, als wir ihnen zutrauen, und öfter, als uns manchmal lieb ist. Trotz aller Einschränkungen entwickeln sie nämlich ein feines Gespür für die Stimmungen ihrer nächsten Bezugspersonen. Sie merken, wenn wir traurig oder abgelenkt sind. Sie nehmen Ärger und Schmerzen wahr. Und sie reagieren verunsichert, wenn unsere Körpersprache unseren Worten widerspricht. Wenn sie noch dazu in der Lage sind, sprechen sie uns sogar darauf an: „Geht’s dir heute nicht gut? Bist du böse auf mich?“ Letztlich helfen wir ihnen und uns selber, wenn wir gar nicht erst versuchen, Kummer oder schlechte Laune zu überspielen.

Menschen mit Demenz sind auch sehr ansteckbar durch die hör- und sichtbaren Gefühle anderer. Das bedeutet, dass sich ihre Mine im Nu aufhellt, wenn ihnen jemand ein echtes Lächeln schenkt oder ihnen freundlich zuwinkt – selbst, wenn sie kurz zuvor wütend oder traurig waren. Es bedeutet aber leider auch, dass der Stress oder die Unruhe, die Wut und die Angst der Menschen in ihrer Umgebung sie anstecken und herunterziehen können.

Als Problem kann sich auch erweisen, dass Menschen mit Demenz manche nonverbalen Signale falsch deuten. Viele von ihnen nehmen beispielsweise laute und höhere Stimmen als aggressiv und feindlich wahr, obwohl wir möglicherweise nur versuchen, uns ihnen trotz ihrer Schwerhörigkeit verständlich zu machen. Und wenn wir ihnen beispielsweise bei der Körperpflege behilflich sind und uns dabei konzentrieren, sieht unser Gesicht leider verkniffen und schlecht gelaunt aus. Wenn wir unnötige Aufregung also vermeiden wollen, kommen wir nicht umhin, unsere eigene Ausstrahlung und unsere nonverbalen Signale zu reflektieren.

Erinnerungsstützen

Solange die Krankheit den Betroffenen noch nicht die Fähigkeit genommen hat, Gelesenes zu verstehen, sind kleine Zettel hilfreich, auf denen Informationen zum Alltagsablauf oder Antworten auf häufig gestellte Fragen stehen. Diese Zettel können zum Beispiel am Kühlschrank oder an der Badezimmertür kleben, sodass sie sich im Vorübergehen lesen lassen. Auch ein "Familienposter" mit Fotos aller Haushaltsmitglieder hilft Menschen mit Demenz. Bei jedem Foto steht eine kurze Information, auch zu den Haushaltshilfen und Pflegekräften und sogar zu den Haustieren.

Weil im Laufe der Krankheit viele wichtige Ereignisse aus dem Bewusstsein verschwinden, kann ein Erinnerungsbuch helfen: Erstellen Sie ein Fotoalbum, das an schöne Momente erinnert. Schreiben Sie zu jedem Foto einen kurzen Satz, zum Beispiel, um welches Ereignis es sich handelt, wer abgebildet ist und vielleicht noch eine kleine Anekdote. Es geht nicht darum, möglichst viele Stationen festzuhalten, sondern diejenigen, die einem Menschen mit Demenz viel bedeuten. Mit dem Erinnerungsbuch schaffen Sie sich und Pflegekräften eine Grundlage für Kommunikation.

Wichtige Kommunikationsregeln

  • Stellen Sie vor jedem Gespräch Blickkontakt her und reden Sie Menschen mit Demenz mit ihrem Namen an.
  • Verwenden Sie im Gespräch mit Dialektsprechern wenn möglich die Mundart. Das schafft zum einen Vertrauen, und verbessert zum anderen die Verständigung: für manch einen ist Hochdeutsch nämlich eine Fremdsprache, und die beherrschen Menschen mit Demenz in der Regel deutlich schlechter als ihre Muttersprache.
  • Je größer die Verständnisschwierigkeiten eines Menschen mit Demenz sind, desto eher sollten Sie Fach- und Fremdwörter sowie Jugendsprache und komplizierte mehrsilbige Begriffe vermeiden.
  • Machen Sie sich aber bewusst, dass eine einfachere Sprechweise nicht gleichbedeutend mit Babysprache ist: Viele Menschen mit Demenz reagieren berechtigterweise sehr empfindlich darauf, wenn wir mit ihnen reden wie mit einem Kleinkind.
  • Reden Sie etwas langsamer und vor allem deutlich. Verwenden Sie eher kurze Sätze.
  • Wenn es um den reinen Informationsaustausch geht, formulieren Sie Ihre Frage am besten so, dass sie sich mit einem einzigen Wort oder mit Ja oder Nein beantworten lässt.
  • Menschen mit Demenz brauchen Zeit und Ruhe, um über den nächsten Schritt oder eine Antwort nachzudenken. Stellen Sie sich darauf ein. Machen Sie bewusst Pausen zwischen einzelnen Sätzen. Reden Sie nicht einfach weiter, wenn Sie ihnen eine Frage gestellt haben. Das signalisiert ihnen, dass Sie wirklich an einer Antwort interessiert sind.
  • Wiederholen Sie wichtige Informationen. Verwenden Sie dabei immer dieselbe Formulierung.
  • Stellen Sie nicht mehr als zwei Angebote auf einmal zur Auswahl. Fragen Sie lieber: "Möchtest du einen Apfelsaft oder lieber einen Orangensaft?" anstatt: "Welchen Saft möchtest du trinken?" In späteren Krankheitsstadien empfiehlt es sich sogar, nur eine Alternative auf einmal, dafür aber gleichzeitig verbal und nonverbal zu präsentieren: Zeigen Sie ihnen den Apfelsaft im selben Moment, in dem Sie danach fragen. Erst, wenn der abgelehnt wird, bieten Sie den Orangensaft an.
  • Vermeiden Sie Ironie oder übertragene Bedeutungen – die verstehen Menschen mit Demenz nicht mehr.
  • Viele Menschen mit Demenz nehmen Sprache immer wörtlicher. Deshalb missverstehen sie viele alltägliche Redewendungen, die letztlich etwas anderes bedeuten, als die einzelnen Begriffe, aus denen sie zusammengesetzt sind. So kann sich ein Mensch mit Demenz unter Umständen gar nicht freuen, wenn wir ihn für seinen „grünen Daumen“ loben und uns verwundert seine sauberen Hände entgegenstreckt. Und wenn wir ihn dazu aufzufordern, sich „aufs Ohr zu hauen“, tippt er sich möglicherweise empört an die Stirn.
  • Menschen mit Demenz sollten das Gefühl bekommen, in Gesprächssituationen dazuzugehören und mitreden zu können. Stellen Sie Ihnen deshalb nur Fragen, die sie auch beantworten können. Dazu gehören beispielsweise auf Gefühle, Wahrnehmungen oder Meinungen bezogene Fragen wie: Was siehst du? Hörst du den Bus draußen kommen? Wie geht es dir gerade? Zudem können Sie sich „gefahrlos“ nach Personen und Ereignissen von früher erkundigen, an die sie sich noch gut erinnern können. Verzichten Sie jedoch unbedingt darauf, sie damit zu verunsichern, dass Sie sie nach Geschehnissen der jüngsten Vergangenheit befragen – denn ob und was sie beispielsweise gegessen haben oder wer zu Besuch gekommen ist, haben sie in der Regel bereits wieder vergessen.
  • Menschen mit Demenz brauchen, wie wir alle, Bestätigung. Sprechen Sie über Dinge, die sie gut gemacht haben und loben Sie sie ausdrücklich dafür. Kritisieren Sie sie nicht für Dinge, die sie nicht oder falsch erledigt haben.
  • Vermeiden Sie Diskussionen und Rechthaberei.
  • Sehen Sie kommentarlos darüber hinweg, wenn Menschen mit Demenz sich seltsam ausdrücken oder falsche Wörter verwenden. Korrigieren Sie sie nicht – das beschämt sie nur, hilft ihnen aber nicht, bei der nächsten Gelegenheit fehlerfreier zu sprechen.
  • Räumen Sie falsch abgelegte Dinge stillschweigend an ihren richtigen Platz. Es hat keinen Zweck, die Betroffenen mit der Brille im Kühlschrank zu konfrontieren. Das regt sie nur auf, führt aber nicht dazu, dass sie sich beim nächsten Mal an den richtigen Platz erinnern und sie dorthin legen.
  • Überhören Sie Anschuldigungen und Vorwürfe, denn diese sind oft Ausdruck von Hilflosigkeit und Frustration und richten sich nicht gegen Sie persönlich. Lassen Sie einen Moment verstreichen, drücken Sie Bedauern darüber aus, dass der Mensch mit Demenz so aufgebracht ist und wechseln Sie dann das Thema.