Jochen Gust

Reaktanz: Wenn Fürsorge als Übergriff erlebt wird

Viele Angehörige wollen vor allem eines: helfen. Sie wollen absichern, mitdenken, Gefahren verhindern und dem betroffenen Familienmitglied das Leben erleichtern. Genau darin liegt aber ein heikler Punkt. Denn was aus Liebe, Sorge und Verantwortungsgefühl geschieht, kann vom Gegenüber dennoch als Druck, Einengung oder Übergriff erlebt werden. Das gilt besonders dann, wenn die Demenz schon spürbar in den Alltag eingreift und Angehörige beginnen, stärker zu lenken, zu erinnern, zu korrigieren oder Entscheidungen vorwegzunehmen. Dann entsteht leicht ein Konflikt, den viele aus dem Alltag kennen: Der betroffene Mensch verweigert sich, reagiert gereizt, blockt ab, wird wütend oder macht bewusst nicht mit. Hinter solchen Reaktionen steckt oft nicht einfach Sturheit. Häufig ist Reaktanz im Spiel.

Mit Reaktanz ist eine innere Abwehrreaktion gemeint, die entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben, in ihrer Freiheit eingeschränkt zu werden. Dieses Gefühl kann auch bei Menschen mit Demenz sehr stark sein. Bedenken Sie, dass Sie es mit einem Erwachsenen mit einem gelebten Leben und entsprechenden Gewohnheiten und Erfahrungen zu tun haben – selbst dann, wenn manche Äußerung oder Handlung kindisch auf Sie wirkt. Zwar gehen Fähigkeiten verloren, aber das Bedürfnis nach Selbstbestimmung bleibt. Viele möchten weiterhin selbst entscheiden, was sie tun, wie sie leben und was mit ihren Dingen geschieht. Wenn Angehörige nun aus nachvollziehbarer Sorge eingreifen, kann genau das als Bedrohung dieser Restkontrolle erlebt werden. Dann richtet sich der Widerstand oft nicht gegen die helfende Person als solche, sondern gegen das Gefühl, nicht mehr selbst bestimmen zu dürfen. Gerade im Verhältnis Kind zu Erwachsenem kann das Rollenverständnis die Situation noch verschärfen. 

Das zeigt sich in vielen typischen Alltagssituationen. Ein besonders sensibles Thema ist das Autofahren. Angehörige sehen vielleicht, dass Unsicherheiten zunehmen, dass Reaktionen langsamer werden oder sich kleine Vorfälle häufen. Für sie liegt nahe, das Thema anzusprechen oder auf ein Ende des Fahrens hinzuwirken. Für den Menschen mit Demenz geht es dabei aber oft um weit mehr als nur um ein Fahrzeug. Es geht um Bewegungsfreiheit, um Gewohnheit, um Selbstbild, um Würde und oft auch um die letzte spürbare Unabhängigkeit. Wer dann nur mit Vernunft argumentiert oder Druck macht, löst nicht selten genau das Gegenteil aus: Abwehr, Streit, Verharmlosung oder Rückzug. Ähnlich ist es bei Veränderungen in der Wohnung. Vielleicht wollen Sie Stolperfallen beseitigen, Teppiche entfernen, Möbel umstellen, die Küche sicherer machen oder Orientierungshilfen schaffen. All das kann objektiv sinnvoll sein. Trotzdem kann es sich für den Betroffene so anfühlen, als würde ihm die vertraute Welt Stück für Stück weggenommen – und zwar ohne sein Zutun oder Einverständnis. Dann wird nicht nur der Teppich verteidigt, sondern das eigene Recht, noch selbst über das Zuhause bestimmen zu dürfen.

Gerade Angehörige geraten leicht in diese Dynamik, weil sie meist besonders engagiert sind. Sie kümmern sich viel, sind emotional stark beteiligt und erleben reale Sorgen. Sie haben Angst vor Stürzen, Bränden, Fehlern bei Medikamenten, Weglaufen, Mangelernährung oder gefährlichen Entscheidungen. Diese Sorgen sind nicht übertrieben, sondern oft gut begründet. Aber Sorge hat eine unangenehme Nebenwirkung: sie macht drängend. Wer Angst hat, spricht schneller, greift früher ein, erklärt häufiger, kontrolliert mehr und hält Unsicherheit schlechter aus. Für den betroffenen Menschen mit Demenz kann das bedeuten, dass er sich nicht mehr begleitet, sondern gelenkt fühlt.

Wie Sie Reaktanz vermeiden und Menschen mit Demenz einbeziehen können

Die gute Nachricht ist: Angehörige können viel tun, um Reaktanz zu verringern. Es geht nicht darum, notwendige Hilfe zu unterlassen. Es geht darum, Hilfe so anzubieten, dass sie weniger als Fremdbestimmung erlebt wird. Ein erster wichtiger Schritt ist, Menschen mit Demenz nicht über ihren Kopf hinweg zu behandeln. Auch wenn Gespräche mühsamer geworden sind oder Entscheidungen nicht mehr so klar getroffen werden wie früher, bleibt es wichtig, die betroffene Person direkt anzusprechen und sichtbar einzubeziehen. Wer merkt, dass andere nur noch über ihn reden, erlebt schnell Kränkung und Kontrollverlust. Besser ist es, mit dem Menschen selbst zu sprechen, Fragen einfach zu formulieren, Zeit für Antworten zu lassen und deutlich zu zeigen: Deine Sicht zählt noch.

Ebenso hilfreich sind kleine Wahlmöglichkeiten. Reaktanz entsteht oft dort, wo Menschen nur noch Vorgaben erleben. Schon kleine Spielräume können deshalb viel verändern. Statt zu sagen, dass nun etwas so gemacht wird, ist es oft klüger, zwischen zwei überschaubaren Möglichkeiten wählen zu lassen. Das gilt beim Anziehen, bei Tagesabläufen, bei Unterstützung in der Wohnung oder auch bei schwierigen Themen wie Mobilität und Sicherheit. Nicht jede Entscheidung kann offenbleiben, aber oft lässt sich der Weg dorthin so gestalten, dass der Mensch mit Demenz noch Einfluss erlebt. Genau dieses Gefühl kann Widerstand deutlich senken.

Ein dritter Punkt ist, zuerst das Gefühl ernst zu nehmen und erst danach über Lösungen zu sprechen. Viele Konflikte eskalieren nicht an der Sache selbst, sondern daran, dass Angehörige sofort mit Argumenten beginnen, während der betroffene Mensch sich innerlich schon missachtet oder überrumpelt fühlt.

Am Ende ist Reaktanz gerade für Angehörige ein wichtiges Thema. Nicht weil sie etwas falsch machen wollen, sondern weil ihre Liebe, ihre Sorge und ihr Verantwortungsgefühl leicht in eine Form von Hilfe kippen können, die beim Gegenüber als übergriffig ankommt. Menschen mit Demenz wehren sich dann nicht unbedingt gegen die Person, sondern gegen das Erleben von Druck, Fremdbestimmung und Kontrollverlust. Wer das versteht, sieht Verweigerung und Abwehr oft mit anderen Augen. Dann geht es nicht mehr nur darum, Widerstand zu brechen, sondern darum, ihn gar nicht erst unnötig zu erzeugen. Genau darin liegt oft der Schlüssel für einen ruhigeren, respektvolleren und am Ende auch erfolgreicheren Umgang.

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